Künstlerhaus Dortmund
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film4arts
Film im Dialog mit Bildender Kunst


8. April bis 13. Mai 2011

Eröffnung am 8.4.2011 um 20 Uhr

Hier treffen die modernen und traditionellen Medien Foto/Film und Grafik/Malerei aufeinander. Der gemeinsame Nenner ist die Auseinandersetzung mit den Folgen menschlichen Tuns auf unserem Planeten in Form von Dokumentation oder Statement.

Rainer Komers zeigt seine essayistischen Film-Streifzüge durch grandiose, aber vom Menschen misshandelte Landschaften, eine Tetralogie über zerstörte Städte. Zur Eröffnung und während der Ausstellung läuft täglich Rainer Komers Film: Milltown, Montana (D 2009, 34 min)
Hiroko Inoue wendet sich dem Thema „Wald“ zu, der in Deutschland wie in Japan traditionell und kulturell eine besondere Rolle spielt. Für die Ausstellung im Künstlerhaus Dortmund wird sie mit Schwarz-Weiß-Emulsion und Farbe auf Kunstseide arbeiten.
Für Lisanne Sloots ist ihr Arbeitsmaterial Zeichenkohle Mittel und Protagonist gleichzeitig: Holzkohle ist sowohl Millionen Jahre alte Erdgeschichte als auch künstlerischer Werkstoff für aktuelles Zeitgeschehen. In Malerei und Grafik beleuchtet sie diese Doppelwertigkeit.
Die Fotografin und Videokünstlerin Hanna Smitmans geht der Frage nach, ob ein Erinnerungsort, der von niemandem mehr erinnert werden kann, zum Nicht-Ort oder zur Landschaft wird. Im Dialog mit Lisanne Sloots geht sie der Frage nach, ob ein Erinnerungsort, der von niemandem mehr erinnert werden kann, zum Nicht-Ort oder zur Landschaft wird. Beide thematisieren mit künstlerischen Mitteln den Wandel eines Un-Orts zur Landschaft und erforschen Transformationsprozesse mit den dort vorgefundenen Materialien.


Beteiligte Künstlerinnen und Künstler:

Hiroko Inoue, Malerei/Objekt/Installation
Rainer Komers, Film
Lisanne Sloots, Malerei/Grafik
Hanna Smitmans, Fotografie/Ziechnung/Video



Hiroko Inoue
, * in Osaka (J), lebt in Nara, Berlin, Mülheim (Ruhr)





„Nach der traumatischen Erfahrung des großen Kobe-Erdbebens 1995, von dem Hiroko persönlich betroffen war, setzte sich neben dem Leben auch der Tod zu ihr an den Tisch. Der machte ein nachdenkliches Gesicht und kam in Schwarzweiß. Erst nach ihrer Mülheimer Ausstellung 2003 fand sie zurück zur Farbe. Aber inzwischen war sie im Westen angekommen, und durch den dokumentarischen Charakter der Farbe ging etwas ,Japanisches’, das ich im piktoralen Gestus ihrer Schwarzweiß-Prints wahrgenommen hatte, verloren. Ich glaube, dass Hiroko sich jetzt in einer Art Häutungsphase befindet. Sie will sich von den vergitterten ‚isolated facilities’ lösen und einer Spezies zuwenden, die in Deutschland wie in Japan traditionell eine besondere Rolle spielt: dem Wald, den Bäumen und seinen Blättern. Und für die Ausstellung im Künstlerhaus Dortmund will sie dies erneut mit Schwarzweiß-Emulsion auf Kunstseide tun und mit Pinsel und Farbe.
Ich begleite Hirokos Arbeit seit 1999. In diesem Jahr kam sie als Stipendiatin des Goethe Instituts nach Dusseldorf. Zum Abschluss ihres Aufenthalts zeigte sie im Atelier am Eck ihre Installation „Absence“. In einem abgedunkelten Raum leuchten verwaschen wirkende Ansichten von vergitterten Fenstern, montiert auf Lichtkästen; an der Wand, beleuchtet, ein fahrbares Krankenhausbett, darüber, täuschend echt, ein Sprossenfenster, bei näherem Hinsehen ein Foto.
Drei Tage vor ihrem Rückflug nach Japan fragte mich Hiroko, ob ich sie zur Gedenkstätte eines ehemaligen Konzentrationslagers bringen könne. Anders als in Deutschland würden die eigenen Kriegsverbrechen in Japan vollkommen verdrängt. Ich fuhr sie nach Bergen Belsen. Kurz bevor wir dort ankamen, steuerte ich den Wagen auf eine Lichtung und packte den Picknickkorb aus. Butterbrote und Tassen auf der Kühlerhaube eines Peugeot, so nah am Ort des Gedenkens, das konnte sie nicht verstehen. Sie entfernte sich ein paar Schritte vom Auto, nahm ihre Kamera und fing an, hektisch zu fotografieren, Bäume, nichts als Bäume, bis ich das Picknick beendet hatte – offenbar eine Übersprungshandlung. Auf dem ehemaligen Lagergelände erinnert wenig an das organisierte Massensterben, ein Gedenkstein für Anne Frank, Fundamente von Baracken. Als wir uns zwischen den Überresten aus den Augen verloren hatten, rief Hiroko meinen Namen. Dann ging ein warmer Sommerregen über uns nieder. Ich spannte einen Schirm auf, sie hakte sich bei mir ein.
Auf der Rückfahrt durch die Heide hielt ich an mehreren Bauernhöfen, um Kartoffeln zu begutachten und zu kaufen und hieß dann der „potato-man“. Zurück in Düsseldorf, es dunkelte schon, besuchten wir Freunde von ihr, die in einer kleinen Dachwohnung wohnten. Ihre japanische Freundin brachte uns zum Abschied auf Deutsch ein Ständchen: „Es waren zwei Königskinder…“.
Hirokos Flugzeug ging am nächsten Morgen. „Das Wasser war viel zu tief…“.
Ein Jahr später kam sie wieder, das Düsseldorfer Kulturamt hatte ihr erneut ein Gastatelier angeboten. Seitdem arbeiten wir zusammen, oft über große Entfernungen. So drucke ich ihre Arbeiten im Künstlerhaus Bethanien in Berlin, besorge Fotografiergenehmigungen, helfe bei Ausstellungen. Sie assistiert bei meinen Filmen, vor allem beim „Kobe“-Film, den ich ohne sie nicht hätte machen können, aber auch in Alaska, im Jemen und zuletzt in Montana. Auf diese Filmreisen nahm sie ihre Kamera mit und arbeitete weiter an ihrer Serie über „isolated facilities“.
(Rainer Komers im Gespräch mit Horst Herz, 11. September 2010 im ICE nach Berlin, Ausschnitt.)



Rainer Komers, *1944, lebt in Mühlheim (Ruhr)





Sorgfältig komponierte Bilder, eindrucksvolle Soundcollagen, keine Dialoge: Die Filme von Rainer Komers sind essayistische Streifzüge durch grandiose aber vom Menschen misshandelte Landschaften. Im Stile der großartigen Bildsprache seiner preisgekrönten Filme „Kobe“ und „Nome Road System“ dokumentiert Rainer Komers in seiner neuesten Arbeit Milltown-Montana eine Region, die einst das größte Bergbaugebiet der USA war, und die sich nun, von Giften und Schwermetallen kontaminiert, in einer Phase des postindustriellen Stillstands zu befinden scheint.
Milltown, auf Deutsch „Mühlheim“, ein Ort in Western Montana am Zusammenfluss von Blackfoot und Clark Fork River. Hier wurde Holz verarbeitet, erst mit Wasserkraft und nach dem Bau des Milltown-Damms mit elektrischer Energie. Der Clark Fork River kommt aus Butte, 120 Meilen südöstlich von Milltown, einst die größte Bergbaustadt der USA. Der Damm und das Wasserkraftwerk wurden kürzlich abgerissen, das Holzwerk ist stillgelegt. Im Sommer bringen Kanuten etwas Farbe in die Industriebrache, doch Angler sieht man hier nicht. Gifte und Schwermetalle, die der Fluss aus den Minen von Butte und der Kupferschmelze von Anaconda mit sich führte, haben den Grund des ehemaligen Stausees kontaminiert. Um das Gelände zu renaturieren, soll der Giftschlamm, geschätzte 14 Millionen Lastwagenladungen, jetzt abgetragen und stromaufwärts gebracht werden an einen Ort namens Opportunity, den die Minengesellschaft Anaconda einst als Musterdorf im Grünen neben der Kupferschmelze errichtet hatte. Der Clark Fork River ist das größte Renaturierungsprojekt („Superfund Site“) der USA.
Kommentar des Regisseurs: „Als Kind des Ruhrgebiets und Bewohner Mülheims beschäftigt mich die Frage: Was kommt nach der Industrie, wie geht es mit dem Leben und der einst durch technische Prozesse in Gang gesetzten Beschleunigung weiter? Kommt es zu einer Wiederannäherung an den Rhythmus der Natur? Lassen sich Technik und Wissenschaft und ein Leben mit der Natur vereinen? Wie leben die Nachfahren der sogenannten „Naturvölker“, was verstehen sie unter „Fortschritt“, wie verhalten sie sich zur „Beschleunigung“? Seit zehn Jahren beschäftigen sich meine Filme mit Bewegung an Schauplätzen in einer Landschaft. Zwischen den Dingen, Menschen und Orten gibt es keine Hierarchien, sie werden gleich behandelt, auf ihren Rhythmus und ihre Gesten hin untersucht. Insofern gibt es in den Filmen auch keine Protagonisten, es gibt Beziehungen und Begegnungen, vorbereitete und unvorbereitete.“



Lisanne Sloots, *1971, lebt in Tübingen





ohne Licht kein Schatten
ohne Feuer keine Asche
Kohle, Bäume, Licht und Schatten. Für fast alle Arbeiten von Lisanne Sloots dient das Material als Ausgangspunkt. Die Holzkohle, die bei einer Grabung gefunden wird, führt zurück zur Materie, aus der sie entstand: den Zweigen der Bäume. Deren fotografierte Schattenbilder dienen der Künstlerin als visuelle Grundlage für ihre Bilder. Silhouetten - Schwarzabdrücke gegen einen helleren Himmel. Schatten - sie erklären uns, aus welcher Richtung das Licht kommt. Farben werden aufgesogen. So wächst das Bild im Zusammenspiel von Hell und Dunkel. Und es entsteht Ruhe.  
Asche ist wie Schatten: grau-schwarz. Schatten und Asche sind Resultate von Licht-Energie… und mit Kohle entsteht neue Energie und Licht...
Verbranntes Material ist der Rohstoff für die Gemälde und Zeichnungen von Lisanne Sloots. Wie Pigment wird es mit Arabischem Gummi oder Wachs vermischt, um Farbe herzustellen. Die entstehenden Arbeiten wirken verletzlich durch das dünne Papier und den transparenten Stoff, die als Täger dienen. Und sind gleichzeitig stark.
Eindrücke werden Abdrücke. Durch den Gebrauch von Schwarz auf Weiss bewegen sich die Arbeiten von Lisanne Sloots auf der Schnittstelle von Malerei und Grafik.
Ein Teil des Werkes in der Ausstellung entsteht im Dialog mit Hanna Smitmans. Die  Künstlerinnen reagieren dabei auf die radikale Umstrukturierung Dortmunds. So unterschiedlich die beiden sind in ihrer Herangehensweise und Ausführung der Arbeiten:   sie treffen sich bei der Spurensuche an ehemals verbotenen Orten, auf den riesigen Brachflächen der früheren Stahlwerke oder Kokereien. Hanna Smitmans und Lisanne Sloots gehen der Frage nach, ob ein Erinnerungsort, der von niemandem mehr erinnert werden kann, zum Nicht-Ort oder zur Landschaft wird. Beide thematisieren mit künstlerischen Mitteln den Wandel eines Un-Orts zur Landschaft und erforschen Transformationsprozesse mit den dort vorgefundenen Materialien.
www.lisanne-sloots.exto.nl



Hanna Smitmans, *1960, lebt in Amsterdam (NL)



„Im Zentrum meiner Arbeit steht die Wahrnehmung individueller Prozesse, eingebettet in die Dynamiken des gesellschaftlichen Umfeldes. Die Frage nach Identität wird bestimmt vom gesellschaftlichen Raum, in dem wir uns bewegen. Dieser manifestiert sich in konkreten Orten, Gebäuden, Landschaften. Örtlichkeiten, Lokalitäten wiederum werden gestaltet und verändert durch die Individuen, die mit ihnen in Beziehung treten. Diese Wechselwirkung und ihre kritische Betrachtung ist Ausgangspunkt für meine künstlerischen Untersuchungen. An unterrepräsentierten Details wie dem Tapetenriss an der Wand eines verlassenen Gebäudes und individuellen Alltagsmomenten wie den Arbeitsbedingungen eines Flüchtlings, den Händen eines Café-Mitarbeiters lassen sich zeitgenössische Gesellschafts-Codes ablesen.
Meine Medien sind Fotografie, Zeichnung und das bewegte Bild. Ich beobachte Orte und Menschen mit meiner Kamera und führe Interviews. Daraus werden Einzelbilder, Serien, Filme, Bücher und Arbeiten im Raum. Oft entwickele ich meine Installationen in Synthese mit dem Ort der Präsentation. Gefundenes Material wie Tapeten, Zeitschriften und speziell angefertigte Objekte sind häufig Teil der neu geschaffenen visuellen Landschaft.“
www.wagabundart.eu/video-art.html



Organisation: Horst Herz

Abbildungen ©: die KünstlerInnen
Fotos Eröffnung ©:

freundlich unterstützt durch:

Sparkasse Dortmund, Kulturbüro der Stadt Dortmund und