Künstlerhaus Dortmund
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SCHWITZKÄSTEN

Ausweglosigkeiten und andere Zwangslagen

29. August – 4. Oktober 2015




Der Schwitzkasten ist physikalisch betrachtet ein rechteckiger Holzkasten mit Kopföffnung zum Ausspülen von Giftstoffen aus dem Körper. In dieser Ausstellung sind jedoch keine rechteckigen Holzkästen zu sehen, vielmehr stehen sie als Synonym für ausweglose Situationen, aus denen es sich zu befreien gilt. Anregungen hierfür liefern die Arbeiten der ausgestellten Künstler.
Die Idee zur Ausstellung entstammt eigentlich einem Fotofund, bei dem ein Polizist eine Person in den Schwitzkasten (Polizeigriff) genommen hat und diese es nicht schaffte, sich wieder zu befreien. Aus dem Fotofund entwickelte sich interessehalber eine intensive Recherche über die Wortbedeutung von Schwitzkästen im Allgemeinen. So kamen viele verschiedene Schwitzkastenaspekte zusammen, die es notwendig machten, genauer „unter die Lupe“ genommen zu werden. Es fanden sich rein situative Aspekte, also Schwitzkästen aus Umständen rein persönlichen Empfindens oder Erlebens (Gewalt, Dominanz, persönliche Unterdrückung) und es traten Zwangslagen auf rechtsstaatlicher bzw. sogar globaler Ebene (Militärgefängnisse, Folter, Öko-Katastrophen) sowie aus dem Bereich der kommunalen Stadtentwicklung (Gentrifizierung) zu Tage. Aber auch rein visuelle Aspekte von Schwitzkästen fanden bei der Zusammenstellung der Ausstellung ihre Berücksichtigung. So werden neben Installationen, Videoarbeiten, Objektkunst und Performances auch Zeichnungen und klassische Malereipositionen in der von Jörg Daniel kuratierten Ausstellung gezeigt.
Bekannte Volksmärchen (Dornröschen) werden dabei ebenso thematisiert wie Tanz- und Theaterszenen, bei denen Menschen figurativ eng ineinander verschlungen sind bzw. durch Würgegriffe bedrängt werden.

Bitte beachten: Zusätzliche Arbeiten an der Ausstellung beteiligter Künstler sind während der gesamten Ausstellungszeit auch im "Projektraum Offene Antworten", Kaiserstr. 75, Dortmund, zu besichtigen.

Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler:

Kurt Fleckenstein (Mannheim)
Dominique Ghesquiere (Paris)
Karin Kerkmann (Berlin, Bochum)
Frank Klötgen (München)
Christian Loenhoff (Ratingen)
Funda Özgünaydin (Istanbul/Berlin)
Ilona Ottenbreit (Berlin)
kate hers RHEE (Berlin, Detroit)
Hildegard Skowasch (Berlin)
Margund Smolka (Berlin)


Eröffnung am 28.8.2015




Kurt Fleckenstein (Mannheim)


„NO EXIT“ (2015), Installation / Aktion, Foto von Jens Sundheim

Die Arbeit „NO EXIT“ von Kurt Fleckenstein hat das Thema Folter zum Ausgangspunkt. „Wir leben in Zeiten, in denen die Verfolgung und Erniedrigung von Menschen einmal mehr einen traurigen Höhepunkt erreicht. Als Stichwort seien nur die Religionskriege in den Arabischen Ländern und in Afrika genannt. Der IS ist dabei das herausragende Beispiel für unbeschreibliche Gräueltaten im 21. Jahrhundert. Folter ist aber auch in den westlichen Ländern nicht gänzlich tabuisiert, wie die USA in Guantanamo bewiesen haben“. Kurt Fleckenstein ist der Ansicht, die Kunst ist verpflichtet, Verwirrungen und Schandtaten von Menschen anzugehen und zu kritisieren. Deshalb versucht er mit der künstlerischen Verarbeitung solcher Themen, eine große Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren. Mit der Aktion „ NO EXIT“ wird das Foltern von Menschen und die damit verbundene massive Erniedrigung bis hin zur qualvollen Tötung angeprangert und damit verstärkt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht.
Auf  guest:guest1@92.50.83.54 finden Sie sonntags zu den Öffnungszeiten von 16 bis 19 Uhr einen Video-Livestream der Arbeit „No Exit“ von Kurt Fleckenstein.



Dominique Ghesquiere (Paris)



„BOIS DORMANT“, Installation,  Foto von Jens Sundheim

Medienübergreifend - ob in Skulptur, Fotografie oder Video - setzt sich die in Paris lebende Künstlerin Dominique Ghesquiere mit der Illusion von Wirklichkeit auseinander. Dabei bedient sie sich des Trompe lóeil - der Kunst der Augentäuscherei - und Bekanntes erscheint anders, als es ist. Mit ihrer installativen Arbeit „Bois Dormant“ holt die Künstlerin die Kletterpflanze Efeu ins Gebäudeinnere - allerdings nicht, ohne eine kleine Änderung der üblichen Erscheinungsform vorzunehmen: Sie verwendet echte Pflanzen, aber das bekanntermassen immergrüne Gewächs scheint in seinem Wachstum gehemmt und wächst blattlos über zwei Etagen hinweg wie „in den Schwitzkasten genommen“ in die Höhe. Dadurch liegt der Fokus auf den kräftigen Trieben der Pflanze mit ihren unzähligen Haftwurzeln, mit denen sie normalerweise sogar hohe Mauern empor klettern kann. Der Titel der Arbeit ist eine Anspielung auf das bekannte Volksmärchen „Dornröschen“ in der französischen Fassung von Charles Perrault „La belle au bois dormant (Die schlafende Schöne im Wald)“, erstveröffentlicht im Jahr 1697.



kate hers RHEE (Berlin, Detroit)


„AND THEN THERE WERE NONE“ (2014), Performance / Video

In dieser aktuellen Arbeit, bislang nur einmal in New York gezeigt, macht kate hers RHEE Gebrauch von einem ihrer selbstgebauten Objekte, um die verstörende Performance zwischen zwei Darstellern zu erschaffen. Der große, schwarze männliche Darsteller dominiert scheinbar die Szenerie und verlangt von der kleinen asiatischen, weiblichen Darstellerin, die eine S/M-Maske trägt, zehn Küsse, bevor er sie wieder von der skurrilen, die Gesichtsmimik verzerrenden Maske, befreit. Es entsteht ein starkes Bild von Gewalt, Dominanz und Unterdrückung, mit verwirrender und schikanierender Geschlechter- und Rassendynamik.



Karin Kerkmann (Berlin)


Come To Your Senses, Videoinstallation, 2004

Karin Kerkmann beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit Kommunikations- und Wahrnehmungsprozessen. Grenzüberschreitungen, Zwischenwelten und die Spannung zwischen Außen- und Innenwelt werden in ihren Arbeiten thematisiert. In ihrer Arbeit „come to your senses“ von 2004 wird die menschliche Wahrnehmung an sich unter die Lupe genommen. Kann man ihr trauen? Gibt es so etwas wie eine objektive Wahrnehmung?
„Come to your senses“ besteht aus 4 verschiedenen Videos, dem Betrachter auf 4 Monitoren präsentiert. Die einzelnen Monitore sind auf unterschiedlich hohen Sockeln im Raum angeordnet und zeigen filmisch jeweils ein menschliches Sinnesorgan in Nahaufnahme. Die Sinnesorgane „sitzen“ in ihren Monitoren, wie Tiere in Kisten eingesperrt. Die Nasenlöcher verwandeln sich dabei zu zwei Höhlen, deren Wände sich irritierenderweise bewegen. Das Auge scheint aus der Dunkelheit zu kommen und bewegt sich unruhig hin und her. Die Haut suggeriert dem Betrachter in seiner Bewegung Berge und Täler.
„Die Metamorphose entsteht im Blick des Betrachters. Die Arbeiten bewegen sich zwischen Realität und Irrealität, Gewissheit und Schwebezustand. Die Aufmerksamkeit von Karin Kerkmann gilt der Wahrnehmung an sich.“



Frank Klötgen (München)


„GUANTANAMO“ (2015), Installation, Foto von Jens Sundheim

Mit „Guantanamo“ prangert Klötgen die Mißstände und unsäglichen Foltermethoden des amerkanischen Militärs im Militärgefängnis „Guantanamo“ auf Kuba an. Das Gefangenenlager der Guantanamo Bay Naval Base ist wohl einer der gleichsam bekanntesten wie unbekanntesten Orte. Für die Ausstellung wird ein Modell des Internierungslagers mit 1001 Büchern nachgebaut. Der Performance-Poet Frank Klötgen benutzt hierfür ausschließlich Exemplare seiner drei eigenen Gedichtbände "Holz und die 7 Todsünden", "Kitt!" und "Mehr Kacheln!" sowie seinen beklemmenden Roman "Der Fall Schelling".



Christian Loenhoff (Ratingen)


„SIEMPRE LO MISMO“ (2015), Installation, Foto von Jens Sundheim

„Trotz der Ausstattung mit Vernunft, Verstand, Wissen und Wollen schafft es der Mensch immer wieder, sich in „Schwitzkästen“, Zwangslagen und andere (scheinbar) ausweglose Situationen hinein zu manövrieren. Der Spielplatz dieser Geschehnisse beginnt im privaten, individuellen Bereich und endet auf globaler Ebene, was früher wie heute oft in furchtbaren menschlichen, ökologischen und ökonomischen Katastrophen mündet. Diese Widersprüchlichkeit der menschlichen Spezies ist das Thema dieser Arbeit. Der 1959 in Hagen geborene und in Herne aufgewachsene Künstler Christian Loenhoff studierte Kunst und Sport in Dortmund sowie Kunstgeschichte in Bochum. Zudem ist Loenhoff Förderpreisträger der Stadt Herne und nahm bereits an zahlreichen Aktionen, Performances und Ausstellungen teil.



Funda Özgünaydin (Istanbul, Berlin)


„OUTSIDE PROJECTION“ (2013), Video

Die in Berlin lebende, türkische Künstlerin Funda Özgünaydin möchte den Ausstellungsbesucher mit ihrer Videoarbeit „Outside Projection“ für das Thema Gentrifizierung sensibilisieren. Stellvertretend dafür zeigt sie den Abriss des AFE Building in Frankfurt / Main, eines 116 Meter hohen Gebäudeturmes der Goethe-Universität, der die Fachbereiche Pädagogik, Sozialwissenschaften und Psychologie beherbergte und erst 1972 fertig gestellt wurde. 2013 wurde das Gebäude wieder komplett geräumt und 2014 schlußendlich abgerissen. Gentrifizierung ist ein in der Stadtgeographie angewandter Begriff, der einen sozialen Umstrukturierungsprozess eines Stadtteiles beschreibt. Dabei handelt es sich um Veredelung des Wohnumfelds sowohl durch Veränderung der Bevölkerung, wie in aller Regel auch durch Restaurierungs- und Umbautätigkeiten. So beschreibt Gentrifizierung für alle Künstler und Kulturschaffende eine Art Schwitzkasten-Situation, der sie nicht wirklich entgehen können. Kaum sind Künstler zum Zwecke der „Aufwertung ihrer Umgebung“ in geeignete Arbeitsumgebungen eingezogen, werden solche Immobilien häufig und gerne von Investoren angekauft, wieder leergezogen, renoviert und für teures Geld an privat oder geschäftlich weitervermietet. Auf der Strecke bleibt die bildende Kunst bzw. die Kulturschaffenden.



Ilona Ottenbreit (Berlin)


"Lichtspalt" (2011), Acryl auf Leinwand, 160 x 140 cm

Inspiriert von der Bühne - insbesondere von Tanz und Theater – beschäftigt sich Ilona Ottenbreit seit Jahren mit dem Erfassen von menschlicher Raumerfahrung und Bewegungsabläufen. Studien und Skizzen dazu sind die Grundlage ihrer teils grossformatigen Arbeiten. Alles beginnt mit Bleistiftskizzen zur Untersuchung von Bewegung und deren Abläufen. Mit einer gezeichneten Linie folgt sie u.a. Tänzern und hält fest, was diese Momente hergeben. Es entstehen abstrakte Figurenzeichnungen, die mit Kohle und Tusche weiter bearbeitet werden. Dabei versucht sie, wichtige und spannungsreiche Bildmomente zu verstärken und hervorzuheben. Es entwickeln sich selbstständige Formatierungen und Verschmelzungen der Figuren. Dadurch stellt sie in ihren Bildern auch dar, wie sich Menschen „vervielfältigen“, wie sie sich verbinden, mit sich selbst bzw. miteinander ringen oder sich in verschiedene Richtungen weg bewegen, ohne allerdings voneinander wirklich loszukommen oder den Ursprung ihres „miteinander Verbundenseins“ zu vergessen.



Hildegard Skowasch (Berlin)


„OHNE TITEL“ (2015), 8 installierte Objekte, Ausschnitt, Foto von Jens Sundheim

Die 1958 in Essen geborene, vielfach ausgezeichnete Künstlerin Hildegard Skowasch, gleichwohl Gründungsmitglied des Künstlerhauses in Dortmund, studierte an der Kunstakademie in Münster und an der Ecole Superieure des Arts Plastiques in Tourcoing (F) und lebt und arbeitet seit 1998 in Berlin. Hildegard Skowasch kombiniert in der hier präsentierten Installation gekonnt abstrakte und figurative Elemente in Form von Papier- und Keramikarbeiten, sowie Zeichnungen.



Margund Smolka (Berlin)


„FUNNEL“ (2014/2015), Videoobjekt, 30 x 120 x 25 cm

„Funnel“ ist eine aktuelle, aus dem Jahr 2014/2015 stammende skulpturale Videoarbeit der 1958 in Kiel geborenen, seit 1997 in Berlin lebenden und vielfach ausgezeichneten Künstlerin Margund Smolka. Die Arbeit besteht aus Holz, Kunstrasen, einem Kunststoffkopf und diversen anderen Materialien, sowie 4 in die Arbeit integrierten DVD-Playern.
Begleitet von dem dumpfen Rattern eines Zuges läuft eine grüne Landschaft - gespiegelt von rechts nach links kommend - endlos in den Kopf hinein - in das zentrale Element der skulpturalen Videoarbeit „Funnel“ von Margund Smolka.



Konzept und Organisation:
Jörg Daniel mit Barbara Koch und Marco Wittkowski
Bilder Arbeiten ©: die KünstlerInnen
Fotos Eröffnung ©:
Jens Sundheim

Freundlich unterstützt durch:
Kulturbüro Dortmund, Sparkasse Dortmund, DEW 21, Zilla Medienagentur, Projektraum Offene Antworten