Karl-Heinz Hasselmann, ein für seine bissigen Anmerkungen zum aktuellen
Kunstgeschehen bekannter Künstler, hat sich exklusiv für das
Künstlerhaus Dortmund mit den Projekten des Kultuhauptstadtjahres
befasst. Die gelben Ballons des Schachtzeichen-Projektes hatten es ihm
dabei besonders angetan. Hasselmann, der Anfang April für mehrere Tage
Gast im Künstlerhaus Dortmund war, hat für sein Projekt das Ruhrgebiet
kreuz und quer durchfahren und Interviews mit seinen Bewohnern geführt.
Diese Interviews werden in einer Publikation zu finden sein, die
Hasselmann anlässlich der Einweihung des „Museums Ostwall im Dortmunder
U“ für September/Oktober 2010 vorbereitet. Hasselmann hat den
Schachteingang des Künstlerhauses Dortmund, das ja in den Zwanziger Jahren
als Zeche erbaut wurde, markiert und fotografisch dokumentiert, einen
Ballon beiläufig und unspektakulär zwischen Hundekot und Fahrradweg,
untauglich für die Triumphe der Luftbildbeobachtung unter einem dichten
Blätterdach versteckt.

Während seines Aufenthaltes arbeitete er auch an der Erstellung eines Videos, das nun auf dieser Seite erstmals präsentiert wird. Den unterirdischen Zugang zum Schacht, der durch einen Tunnel Künstlerhaus und andere Straßenseite verband, versah Hasselmann mit einem gigantischen gelben Ballon, dessen Existenz absichtsvoll nur über fotografische Dokumentationen belegt wird. Die Unsichtbarkeit des Dortmunder gelben Fesselballons rührt, so Hasselmann, „zunächst aus seiner tatsächlichen Gefangennahme im Tiefkeller des Hauses – er ist eine Geisel. Aber wichtiger noch: Über diesem Schachteingang bleibt der Himmel frei, nach Willy Brandts Diktum: Der Himmel über der Ruhr muss wieder sauber werden.
Hasselmann kommentiert in seinem Video die Markierung von ehemaligen Schachteingängen im Ruhrgebiet. Das Markierungszeichen, ein (urin-)gelber Ball, schwebt, einer gigantischen Stecknadel gleich, über den Orten und wird von Freiwilligen betreut, morgens aufgelassen und abends eingeholt. Was wie ein profanisiertes Fahnenritual ohne jeden Bezug zu Inhalten wirkt, ist in Wahrheit mehr als nur das: Es ist das Bekenntnis zum Verlust jeden historischen Bewusstseins, die Bankrotterklärung einer Region in Bezug zu ihrer Vergangenheit. Hasselmann kombiniert Projektbilder der Schachtzeichen mit Szenen aus einem walisischen Traumland: In Portmeirion, dem spleenigen Projekt eines Adligen aus dem 19. Jahrhundert ist italienische Renaissancearchitektur in Fehlmasstäben verniedlicht und zu einem Architektur- und Landschaftsensemble seltsamer Romantik verbunden worden, das weder stilistisch noch räumlich-zeitlich Orientierung bietet. Berühmt wurde Portmeirion nicht zuletzt durch die Dreharbeiten zu der englischen Sciencefiction-Serie „The Prisoner“, in Deutschland als „Nummer 6“ bekannt. Wer in dieser Serie als ein Insasse des romantischen Gefängnisses fliehen wollte, löste bei seiner Flucht umgehend „Gelben Alarm“ aus und wurde von überdimensionalen Ballons verfolgt, gestellt und betäubt zurück in die Internierung verbracht. Hasselmann beschreibt durch die Parallelsetzung der beiden Welten, walisisches Portmeirion auf der einen und Ruhrgebiet auf der anderen Seite, das Ruhrgebiet als eine aus der Zeit gefallene, bewusstlos und isoliert unter ständiger Bedrohung lebende Region.

im Tiefkeller des Künstlerhauses
Statements aus den Interviews:
„Wenn Sie mich fragen, hätte man die stillgelegten Schächte mit schwarzen Kreuzen markieren sollen. Immerhin war das Zechensterben kein lustiges Nadelpieksen, sondern da ist ein ganzer Industriezweig vor die Hunde gegangen.“
Walter P. aus Dortmund
„Mir passt diese ganze Erinnerungskultur nicht, die noch dem letzten Zeugen der Vergangenheit ein überdimensionales beliebiges Zeichen anheftet, aus der letzten Zeche einen Fun-Park und aus der letzten Halde einen Themengarten macht.“
Maria T. aus Bochum
„Wenn ich mir überlege, wieviele bei uns tot auf Zeche geblieben sind, kommen mir heute noch die Tränen. Ich brauch keine gelben Ballons – da fühle ich mich noch nachträglich verarscht.“
Horst Z. aus Essen
„Wo war das noch genau, von wo aus man alle Ballons sehen kann? Im Weltraum? Beim Goggle im Internetz? Na dann, guten Flug und schöne Reise!“
Detlef S. aus Herne

