Spontan, verspielt, schockierend: FEX – Experimentelle Fotografie und Bilder aus dem Untergrund. Was bedeuten diese Begriffe in Zeiten digitaler Bilderflut und der ständiger Verfügbarkeit von Daten? Ist der Untergrund abgetaucht, angekommen oder schon wieder verbraucht vom individuellen Kreativwahn?

Das Künstlerhaus Dortmund hat mit einem Fotowettbewerb den Fokus auf die neusten Entwicklungen aus diesen Bereichen gerichtet. Aus 234 Bewerbungen wurden von unserer Jury zehn Arbeiten ausgewählt, die in einer Ausstellung im Künstlerhaus Dortmund präsentiert werden.

Während der Ausstellung werden der MAGAZIN SALON und das BUCHLABOR zu Gast im Künstlerhaus sein. In bester Salon-Atmosphäre werden Fotobücher, Magazine und Raritäten aus aller Welt gezeigt.

Eröffnung

Paula Muhr

In Double Flowers hinterfrage ich die wissenschaftliche Konstruktion von Hysterie als Form „weiblichen Wahnsinns“, die sich in medizinischen Fotografien und Schriften des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts widerspiegelt, aber auch Parallelen zu heutigen wissenschaftlichen Methoden aufweist. Der Titel Gefüllte Blüten bezieht sich auf eine Bezeichnung Joseph Breuers in seinen berühmten Studien über Hysterie, die er zusammen mit Freud 1895 veröffentlichte, um darin Hysterikerinnen als Beispiel für verführerische weibliche Abnormität darzustellen.
Aufgenommen wurden die Originalfotografien in der Nervenanstalt Salpêtrière in Paris zwischen 1870 und 1905 zwecks systematischer Katalogisierung von Erscheinungsformen der Hysterie. Bewusst diffus abgezogene Fotografien „hysterischer“ Frauen, in deren Physiognomie man vermeintlich pathologische Anzeichen zu erkennen glaubte, wurden dem medizinischen Journal Nouvelle iconographie de la Salpêtrière entnommen. Das deutlich erkennbare Druckraster verweist auf ihren Ursprung.
Die historischen Abbildungen weiblicher Patientinnen wurden mit einer Reihe verschiedener Gegenstände, Pflanzen und Tiere collagiert – in Anlehnung an die niederländische Stilllebenmalerei. Bei der Auswahl der Motive, die den medizinischen Frauenporträts hinzugefügt wurden, habe ich ihre streng kodifizierte Bedeutung und Symbolik in der Ikonografie der Stilllebenmalerei berücksichtigt.
Die medizinischen Aufnahmen, die zur angeblich objektiven Illustration weiblicher Anomalien dienten, wurden durch diese Intervention in ihrer ursprünglichen Funktion destabilisiert. Durch die Einführung der fremden symbolträchtigen Elemente wurde die primäre medizinische Bedeutung der anonymen Porträts als eindeutige Abbildungen der Pathologie aufgehoben und die implizierten visuellen Codes zur Darstellung von (ab)normalen Frauen in Frage gestellt.

Eric Pawlitzky

Hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges – Zeit für ein paar Bilder. Am besten mit einer Kamera, Baujahr 1895, und mit einer noch älteren Technik zum Ausbelichten der Negative: Cyanotypien von den Planfilmen im Format 13 x 18 cm. Die ganz aus Blau- und Weißtönen bestehenden Unikate haben eine aquarellhafte Anmutung.
Eric Pawlitzky hat Orte des Ersten Weltkrieges in Polen bereist und diese mit historischer Technik fotografiert. Er wollte so die Haptik eines Amateurfotografen der damaligen Zeit nachempfinden.
Doch alle Fotografien zeigen Landmarken der Gewalt, Orte, die eigentlich keine mehr sind. Pawlitzky versucht eine Verführung mit polnischer Landschaft und die erneute Verknüpfung von verschollener Erinnerung an einen vergessenen Krieg im Osten Europas und scheinbar belangloser Sujets.

Tobias Kruse

Vom Rothschild Boulevard, einer der teuersten Straßen Tel Avivs, sind es nur ein paar Gehminuten bis zum Alten Busbahnhof. Die meisten Einwohner meiden diesen Ort, obwohl er mitten im Zentrum liegt.
Der Alte Busbahnhof ist das Reich der Ausgestoßenen und Kaputten. In den Ruinen leben ukrainische und deutsche Prostituierte, Stricher und Transvestiten aus Israel und den Palästinensergebieten, die meisten von ihnen illegal. Was anderswo in Israel existenziell ist, verliert hier seine Bedeutung. Am Alten Busbahnhof spielt es keine Rolle mehr, wer man ist und woher man kommt.

Sabine Springer

Meine Arbeit burla beschäftigt sich mit dem Phänomen der Neo-Burlesque-Party, die seit einiger Zeit ein Comeback erlebt. Diese Partys werden als Orte zum Ausleben sinnlich-hedonistischer Erfahrungen aufgesucht. Neben dem Spiel mit dem Flirt, der Vorführung und Zur-Schau-Stellung der eigenen Person und Körperlichkeit, gilt meine Aufmerksamkeit gezielt der Ambivalenz zwischen der Sehnsucht nach Beachtung und maximalem Vergnügen sowie der möglicherweise existierenden Leere, Einsamkeit und Maskerade der Protagonisten.
Ursprünglich entstand die Burlesque-Bewegung zunächst im 18. Jahrhundert. Sie wurde oftmals von den unteren Klassen genutzt, um soziale Konventionen zu stürzen und populäre Geschichten in einer derberen und obszöneren Art nachzuerzählen. Die Burlesque-Darbietungen entwickelten sich Anfang des 19. Jahrhunderts mehr und mehr zu einem Striptease, endeten schließlich jedoch in der Obskurität. Neo-Burlesque lehnt den puren Glamour der traditionellen Aufführungen zugunsten einer breiteren und offeneren Mischung ab. Die Neo-Burlesque umfasst ein großes Spektrum an Aufführungsstilen und das Publikum beschränkt sich nicht mehr nur primär auf Männer, sondern spricht bewusst verschiedene gesellschaftliche Gruppen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung an – Frauen genauso wie Männer, Homosexuelle und Paare.
In meiner Fotoarbeit spüre ich der Frage nach, inwieweit diese scheinbar aufgeschlossenen, liberalen und aufreizenden Darbietungen, bei denen besonders Frauen mit verschiedenen Identitäten spielen, wirklich ihre Versprechen einlösen. Oder geht es erneut darum, Frauen primär über ihre sexualisierten Körper wahrzunehmen, zu bewerten und sicherzustellen, dass sie am Ende für den männlichen Genuss verfügbar sind?

Petra Arnold

Der Mensch steht im Mittelpunkt des fotografischen Interesses von Petra Arnold – häufig auch seine Nacktheit.
Der Entstehungsprozess ihrer Arbeiten ähnelt der Vorgehensweise einer Schriftstellerin: Orte werden erkundet, Menschen befragt, um so nach und nach zu einem Plot zu gelangen. So gesehen ist die Fotografin eine Erzählerin. Aber sind es wahre Geschichten, die sie uns erzählt?
Die Motive in ihrer eigentümlichen Retro-Ästhetik werfen Fragen auf. Sie gewähren uns Einblicke in das Milieu, welches mit der Ausübung des ältesten Gewerbes der Welt schon immer unsere und die Neugier der Fotografen geweckt hat. Bilder, die sonst im Verborgenen blieben, gelangen so in die Dunkelkammer der Fotografin. Vom Rotlicht ins Rotlicht sozusagen. Dort werden die Bilder enthüllt, kaschiert, maskiert, beschichtet.
Die Neuinterpretation regt nicht nur die Fantasien und Projektionen des Betrachters an, sondern wirft neue Fragen auf. Das Geheimnis ist das Geheimnis.

Melanie Vogel

Wo die subjektive Wahrnehmung von Technologien gesteuert wird, löst sich die stoffliche Erscheinung der Dinge in einer computergenerierten Ästhetik auf. Dieser fehlt jedoch nicht nur die Plastizität, sondern sie zeitigt manchmal auch irritierende Unschärfen. Moderne digitale Technik besteht zwar aus dem Zusammenspiel exakt berechneter Algorithmen, bringt aber auch unvorhergesehene Effekte hervor. Vor allem, wenn das Künstliche und das Natürliche fast deckungsgleich sind, ohne vollständig in eins zu fallen, entsteht etwas, das dem Freud’schen Unheimlichen durchaus nahe kommt. Das Internet-Zeitalter kennt das Phänomen des „jitter“, der instabilen digitalen Verbindung zweier Sender, die zu einer bruchstückhaften Übertragung von Datenpaketen führt und deren visuelle Materialisierung auf dem Bildschirm flimmern lässt. Die Vorstellung, Übertragungsgeschwindigkeiten näherten sich einer virtuellen Gleichzeitigkeit von Daten in der digitalen Vernetzung an, wird in diesen Momenten brüchig. Etwas, das von einem anderen Ort aus gesendet wird, tritt minimal zeitversetzt und verzerrt auf unserem Monitor in Erscheinung, sodass die Illusion direkten physischen Kontakts sich auflöst. (Vanessa Joan Müller)

Beat Brogle

In einer Kultur, die von Bildern überquillt, in der bald jeder Mensch und jede Maschine Fotos produzieren, stoßen klassische Formen der Rezeption an ihre Grenzen. Die klassischen Methoden der Hermeneutik, die auf ein vertieftes Verstehen des einzelnen Werkes und seines spezifischen Kontextes abzielen, eignen sich nur für kleine Datensätze. Es ist jedoch unmöglich, Tausende, ja Millionen von Bildern einzeln eingehend zu betrachten und individuell in ihrer Bedeutung zu erfassen. Die heute vorherrschende Reaktion auf dieses Problem besteht darin, zu einer quantitativen Analyse, die meist computerunterstützt durchgeführt wird, überzugehen. In den Fokus rücken so entweder die Errechnung von Durchschnittswerten oder die Analyse von Beziehungsmuster und deren zeit-räumliche Dynamiken in Form von Karten, Kurven und anderen Formen der Datenvisualisierung.
Die Arbeiten von Beat Brogle gehen einen anderen Weg. Anstatt mathematisch-präzise Werte zu errechnen, untersucht die Serie Cluster gewählte Ausschnitte der globalen Bilderströme, zum Beispiel die Treffer einer Bildsuchmaschine zum Stichwort „serialkiller“, auf Regionen der größten visuellen Verdichtung hin. Dazu werden jeweils hundert Bilder in dünnen Schichten übereinander gelegt, sodass das Einzelbild verschwindet und die Zonen der Überlagerungen sichtbar werden. Es treten visuelle Muster hervor, deren auffälligste Eigenschaft in einem visuellen Paradox liegt: Sie sind zugleich präzise fokussiert und dennoch operieren sie am Rande der Wahrnehmung. Formen werden sichtbar, ohne künstliche Hyperpräzision zu erzeugen, jenes typische digitale Artefakt, das die Illusion des genauen Wissens erzeugt.
Alle Bilder dieser Serie sind algorithmisch erzeugt. Jedoch in einer Weise, dass die Resultate selbst sich der Maschinenlesbarkeit entziehen. Sie brauchen den menschlichen Betrachter und dessen paralogische Kapazitäten, mit Widersprüchen umzugehen. Hier liegt die vielleicht größte Faszination dieser unergründlichen Serie.

Fred Hüning

Untergrund? Bullshit (= M.I.S.T. ***)!
Niemand muss heute in Deutschland noch im Untergrund arbeiten. Alles ist erlaubt. Alles ist egal. Alles ist vorhanden im WWW. Es muss nur überhaupt jemand mitkriegen!
Das ist das Gute der grenzenlosen Freiheit: Jeder, der sich dazu berufen fühlt, kann heute mit wenig Geld Kunst aus dem Internet produzieren und dort veröffentlichen.

*** M.I.S.T.: Unabhängige, freie, kostengünstige Kunstproduktion nach den Regeln von M.I.S.T. – dem Manifest der internationalen Schönheits-Truppen! Das System ficken!

Torsten Schumann

Sehnsucht nach Verwirrung,
Hunger auf Zerstreuung & Döner,
Nächtliche Gratwanderungen,
Emotionale Verdichtungen,
Entgleisung auf der schiefen Bahn.

Norman Behrendt

„Writer sein, ist ein großes Geheimnis. Es ist das größte Geheimnis, das ich vor meinen Eltern habe. Man teilt es nicht mit vielen Leuten, man teilt es nur mit Menschen, denen man vertrauen kann. Es ist ein großer Antrieb, das Geheimnis zu bewahren.“ DUKO
Mit meiner fotografischen Arbeit burning down the house möchte ich Einblick in die Graffiti-Sprüher-Szene Berlins geben. Mein Ziel ist es, das offen und breit diskutierte Thema einer neuen Betrachtungsebene zu unterziehen. Losgelöst von Stereotypen und mit der bewussten Entscheidung, auf die Abbildung von Graffiti zu verzichten, entschied ich mich in der Darstellung für ein Porträt.
Ich porträtierte ca. 80 Berliner Graffiti-Writer auf zwei unterschiedliche Art und Weisen: Zum einen fragte ich sie nach einem Ort, an dem sie sich vorstellen könnten, porträtiert zu werden, ferner, inwieweit sie sich dem Betrachter offenbaren wollen. Zum anderen porträtierte ich die Writer mit einer Polaroid-Kamera erkennbar und damit womöglich identifizierbar in den U-Bahnhöfen Berlins. Im Anschluss gab ich ihnen das entstandene Polaroid zurück und bat sie, das Bild so zu zensieren, dass es veröffentlicht werden kann. Die dabei entstandenen Porträts zeugen in sehr anschaulicher Weise vom besonderen Spannungsverhältnis von Sichtbarkeit und Anonymität, einer möglichen Erkennbarkeit und der damit einhergehenden möglichen Identifikation durch Dritte oder letztlich sogar durch die Polizei.
Mein Grundgedanke ist es, Einblick zu gewähren, den Betrachter zu konfrontieren mit seinen potenziell eigenen Söhnen oder auch Töchtern, mit Freunden und Kollegen – einer Generation, die sich, getreu dem Titel burning down the house, mit ihrem Tun und Handeln von der vorhergehenden Generation, vom Konventionellen und Althergebrachten ablöst und so bisweilen für Unbehagen und Empörung sorgt.