Die Ausstellung fragt, was passiert eigentlich, wenn der Klapperstorch angeflogen kommt?
Gibt es eine Babypause, verändert sich die künstlerische Tätigkeit oder ändert sich gar nichts? Müssen KünstlerInnen ihre Produktion einschränken oder bekommt die Idee vom Kind als ultimatives Kunstwerk gar Konkurrenz aus den eigenen Reihen?

Sibylle Feucht

Ich bewege mich immer wieder in unterschiedlichen Medien und Materialien, die von der klassischen Fotografie über Instagram basierte Projekte, Installationen im öffentlichen Raum und Video bis hin zu wandfüllenden Installationen mit verschmolzenen Kunststoffperlen reichen.
Die immer wieder auftauchende Konzentration auf das vermeintliche Kleine im Großen (und umgekehrt) ist vielleicht eine Referenz an mein Molekularbiologie-Studium. Meine Arbeiten reflektieren meist politische, ökologische und gesellschaftliche Themenkomplexe, mit denen wir alle konfrontiert sind. Der Fokus liegt dabei oft auf den kleinen Dingen, den privaten und intimen Perspektiven, die die ganze Welt beinhalten und verweisen auf das Spannungsfeld zwischen Privatem und Öffentlichem.

www.atworld.ch

Vanessa Gageos

conditio creatrix ist ein zutiefst persönliches Werk, das die Künstlerin und die Mutter zeigt. Diese zwei starken Realitäten, die beide die Schöpfung in ihrem Kern tragen, versuchen nebeneinander zu existieren und funktionieren bei verschiedenen täglichen Handlungen.
Auf einer anderen Ebene drückt das Kunstwerk auch eine Gegenüberstellung aus, die viele Eltern erleben: Starke Liebe und Freude, die mit Mühe und Kampf oszillieren.

Das Werk ist keine indirekte Kritik an der Gleichstellung der Geschlechter.

www.vanessagageos.com

Hannah Goldstein

In dem Werk „Scheiße, wo ist das Kind?“ beschäftige ich mich mit der Angst, die ich habe, meinen Sohn an einem öffentlichen Ort zu verlieren. Ich suche Bilder von Kindern und schneide eine Figur aus, um das Fehlende hervorzuheben. Die Serie spannt einen Bogen von der komischen, aber auch einer tiefen realistischen Angst.
In Goldsteins Collagearbeiten sucht sie die Gegenüberstellung von meist nur zwei Bildern. Sie sucht nach Ballons und Booten. Gespenster und die abgewandten Blicke. Auch Wiederholungen und das Absurde. Das Thema des Verschwindens und der Angst, die Angst vor dem Verfall des Planeten, die Angst vor Wasser oder vor dem Verlust ihres Sohnes am See oder auf öffentlichen Plätzen ist auch dabei. Die Collage gibt ihr die Möglichkeit, anders mit dem fotografischen Bild zu arbeiten, sie gibt ihr die Freiheit, mit ihrem Medium auf eine etwas gewaltsame Art und Weise zu interagieren. Der Akt des Ausschneidens des Bildes ist eine Dekonstruktion dessen, was kann, wenn man will, dass es ein perfektes Bild wird. Auf diese Weise kann goldstein das Bild herausfordern und bis zu einem gewissen Grad bestrafen. Bilder können flüchtig sein, und die Collage zu machen, ist ein weiterer Akt, Spannung in einem Medium zu erzeugen, das sie liebt und dem sie gleichzeitig trotzen und es auseinander nehmen will. Hannah Höch sagte ”I have always tried to exploit the photograph. I use it like color, or as the poet uses the word.”

www.hannahgoldstein.net

Nina Heinzel

Plötzlich habe ich realisiert, dass es dem Kunstmarkt egal ist, dass ich ihn bisher ignoriert und gar verachtet hatte. Anfang 40, drei Kinder, immer noch jung und aufstrebend? Ein Karriereplan muss her, als erstes: Galeristenphobie überwinden. Alles über den aktuellen Kunstmarkt lesen. Titel meiner neuen Arbeit: „Ich arbeite an meiner Karriere.“ Acryl auf Leinwand, 70x100cm, davon jede Menge: Künstlerplakate, Ausstellungsankündigungen für meine eigenen Ausstellungen, beginnend jetzt, bald. Orte, an denen ich richtig gerne ausstellen würde. Einigermaßen realistisch beginnend mit der Stadtgalerie Kiel und Kunsthalle Bern (dort war ich zumindest in Gruppenausstellungen schon vertreten), dann geht es weiter mit Museum of Contemporary Art Tokyo, Tate Modern London, Museum Ludwig Köln, Guggenheim New York, Louisiana Copenhagen, Biennale Venedig, Kunstmuseum Basel, Foundation Beyeler, Serpentine Gallery London, Gagosian Gallery NY, Stedelijk Museum Amsterdam, Hamburger Bahnhof und Galerie Neugerriemschneider Berlin, MAXXI Rom, Kunstverein Frankfurt, Kunsthalle Hamburg, Guggenheim Abu Dhabi. Größtenteils Einzelausstellungen, aber auch einige Gruppenausstellungen mit spannenden und wohl bekannten und geschätzten Künstlern wie etwa Tracey Emin, Erwin Wurm, Damien Hirst, Maurizio Cattelan, Olafur Eliasson, Andrea Fraser, Tino Seghal und Ai Weiwei. Vermessen? Eher hoffnungslos optimistisch, mit Vergnügen. Das Medium Malerei ist noch immer die bestverkäuflichste Kunstform, dabei zeigt es im Fall meiner Künstlerplakate einen gewissen Manko: es ist ein Unikat und damit per se
nicht verbreitet. Durch die Sichtbarwerdung des Pinselstriches wird der Betrachter auf den Urheber und dessen Wunschdenken aufmerksam. Immerhin: mein Name taucht in jedem Bild auf, so wird man sich ihn zumindest merken. Die Titel der Ausstellungen werden eine wesentliche Rolle spielen, eine Geschichte erzählen. Auf „Küss mich, Muse!“ folgt „Nimm mich, Wunder!“ „Oxytocin“ (das Bindungshormon) in meiner Heimatstadt, „Dopamin“ (das Hormon des aufregenden Neuen) in Tokyo, PS1 New York „No Fiction“, Titel der Ausstellung 2022 in der Tate Modern: „Come. True. Now.“.

www.ninaheinzel.com

Sandra Krause Gomez & Christoph Medicus

Künstlereltern zu sein bedeutet die Zusammenballung verschiedener Systeme zu neuen Formationen auszuhalten. In dem Wagnis produktiver Beziehung wird sichtbar, wie sich neue Gewohnheiten bilden, obwohl völlig unklar bleibt, welche emotionalen Sedimente unter dem erhöhten Alltagsdruck zu Tage treten und welche überlagert werden. Ein Wechselspiel im Ringen um Verhältnismäßigkeit.
Die Installation „Konglomerat (That's non of your business.)“ besteht aus vier neu kombinierten Wandarbeiten, Skulpturen und Objekten von Sandra Krause Gomez und Christoph Medicus.

www.sandrakrausegomez.com
www.medicus.betakontext.de

Christine Kriegerowski

Die Mixed-Media-Arbeit „Sandkasten“ von 2001 thematisiert auf den ersten Blick Vergeblichkeit von Reproduktionsarbeit, aber auch den Spaß, sich der Zerstörung auszusetzen. Die Künstlerin Kriegerowski setzte sich in eine eigens installierte Sandkiste im Ausstellungsraum und formte Gugelhupfsandkuchen, die die Kinder später zertreten durften. Über dem Sandkasten hing ein Foto des Bauchnabels ihrer Tochter.
Der Nabel der Welt ist ein Topos, der sich nicht nur im alten Rom findet, Ausgangspunkt aller Meilenrechnungen der römischen Straßen. Heute Historie, Ort archäologischer Recherche. So ist es auch hier, der perfekte Nabel des Säuglings repräsentiert das Zentrum der Welt der Eltern. Von ihrem Kind aus haben sie alle Entfernungen gerechnet. Die Ausgrabungsstätte, der Spielplatz, wurde praktisch zum Mittelpunkt ihres sozialen Umgangs, ob sie das gut fanden oder nicht – das Kind musste buddeln. Mittlerweile, 20 Jahre später sind die schlechten Abzüge der Fotos der Kern einer historischen Dokumentation des Elternseins, die wir jetzt freilegen.
Das Reenactment von Installation und Performance ist Ausflug in die Selbstarchäologie und reine Skulptur und zum vergänglichen Krümelgugelhupf.
Christine Kriegerowski befasst sich mit den bizarren Aspekten des Alltäglichen. In den Neunzigern filmte sie ihre seltsamen Performances, in denen sie Schweinehirn pürierte oder Wassermelonen operierte und fotografierte morbide Stillleben. Ihre Tochter wurde im Februar 2000 geboren, sie hat das selten thematisiert, hat sich aber sehr von Spielzeug, Comics etc. prägen lassen.

www.duckwoman.de

Svenja Maaß

Svenja Maaß beobachtet, zerlegt und zerspielt Bekanntes. Mit malerischen Mitteln fügt sie in teils großformatigen Arbeiten originär Unzusammenhängendes zu mehr oder weniger komplexen Konstrukten, die vielleicht möglich, im besten Falle herrlich unmöglich sind.

www.svenjamaass.de

David Mannstein & Maria Vill

Wir arbeiten seit 1998 als Künstler zusammen und sind seit 2002 Eltern von inzwischen drei Kindern, das jüngste ist elf Jahre alt. Das haben wir so noch nie in einem Satz geschrieben. Wir sind eine Künstlergruppe, ein Künstlerduo oder auch ein Künstlerpaar. Aber Künstlereltern? Ja, nun wissen wir, dass wir das sind. Wir haben jahrelang keine Vernissagen besucht. Wie auch, wir lagen abends kaputt im Bett. Wir haben immer mit der Gefahr der plötzlichen Unterbrechung gearbeitet. Residenz- oder Reisestipendien: unmöglich. Gleichzeitig haben wir es genossen und genießen es, für unsere Kinder da sein zu können, wenn sie uns brauchen. Inzwischen haben sich die Kinder sichtbar in unsere Arbeit eingemischt. Sie sind Ideenstifter, Helfer bei fummeligen und anderen Tätigkeiten, sind Technikexperten, Medienberater, Kamerafrau/mann und Fotomodell und oft selbst KünstlerIn.

www.mannstein-vill.de

Birte Svea Metzdorf

Birte Svea Metzdorf lebt und arbeitet in Langsur und Frankfurt am Main und befasst sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit Malerei, (digitaler) Graphik und Animation. Sie analysiert in ihren Arbeiten ihren Alltag, mit dem Ziel Normen und Konventionen sichtbar zu machen und ironisch zu hinterfragen. In den Animationen verarbeitet sie darüber hinaus Internet-Phänomene – von Roofing über Hunde-Filter zu Reborn Puppen.

www.birtesveametzdorf.de

Sophia New & Ruby Belasco New

In einer Bude aus Teppichen und Kissen zeigt ein Videomonitor eine Mutter und Tochter, die darum ringen, zu Hause in der Küche eine Tupperware aus dem Gefrierschrank zu bekommen. Am Esszimmertisch diskutieren sie, während der Inhalt der Schachtel schmilzt, was sie einmal gemeinsam teilten. Zusammen reflektieren sie über Biologie, Rituale, Materialität und Korporealität. Sie erfinden Spiele, Fragen, Lieder und Geschichten, um sich gegenseitig zu erfreuen und von dem abzulenken, was sie fasziniert und gleichzeitig anekelt: Die Angelegenheit, die seit neun Jahren in der Gefriertruhe lauert.

www.planbperformance.net/sophia

Eugen Schilke

Ich habe alle Stühle aus dem Atelier in engen Reihen nebeneinander gestellt.
Ich habe mir ein Labyrinth geschaffen.
Ich bin unter die Stühle gekrochen.

www.eugenschilke.de

Minka Strickstrock

Fruchtbarkeit ist codiert mittels Öffnungen in Form und Größe von Aktenlochungen. Jede dieser Öffnungen beschreibt einen Tag im Leben der fruchtbaren Frau, jede gelochte Linie einen Zyklus. Dargestellt ist eine durchschnittliche westliche Frauenbiografie, reduziert auf die biologisch-weibliche Funktion. Mittels eines streng und auf minimalste Form reduzierten Ordnungssystems stelle ich Zeiträume dar. Dabei nehme ich Bezug auf Gesetzmäßigkeiten und Abläufe der Natur und hinterfrage sowohl kollektive als auch individuelle Geschichte.

www.strickstrock.org

Lisa Weber

Lisa Weber arbeitet mit Fotografie, kurzen Videoloops bis hin zu langen filmischen Sequenzen. Die meist installativ präsentierten Arbeiten oszillieren zwischen Stillstand und Veränderung, während jede Form von Narration vorenthalten wird. Eine eigene Erfahrung von Raum, fließende Grenzen von bewegtem und unbewegtem Bild und das Untersuchen der Komplexität unserer Wahrnehmung stehen im Fokus.

www.lisaweber.net

Markus Walenzyk

Schicht für Schicht klebt der Künstler fotografische Abbildungen seines Gesichts mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken übereinander auf sein wirkliches Gesicht. Anschließend beginnt er die übereinandergelagerten Schichten aus Papiergesichtern nach und nach in Streifen und Fetzen wieder herunterzureißen, wie im Verfahren der Decollage.

www.markuswalenzyk.com

Charline Zongos

In meiner Arbeit übertrage ich Malerei, durch das Arbeiten mit Stoffen und Lack, auf Materialien wie Holz, Stahl, Schaumstoff, Folie oder auch Watte, sowie auf Böden und Wände.
Dadurch entsteht eine dreidimensionale Malerei im Raum, die begehbar ist und dem Betrachter die Möglichkeit bietet sie von allen Seiten erfahren zu können.
Meine Inspirationsquellen haben dabei meist einen unerwarteten Ursprung und lassen freie Assoziationen zu. Aus diesen resultieren einzelne statische oder auch fragile Werke, die einen Bezug zum Raum und untereinander haben. Auch sehe ich meine Arbeit als lebenden Organismus, der gepflegt werden und sich entwickeln möchte.
Es gibt somit keinen fertigen beschränkten Zustand oder eine gelöste Zusammensetzung und das Werk kann sich während einer Ausstellung verändern. Der Organismus soll wachsen, sich wiederholen, vom Raum Besitz ergreifen, ihn sich zu eigen machen, sich selbst überlagern, umhüllen, verdichten und selbst zum Raum werden.

www.charlinezongos.com