Was haben Influencer:innen in den sozialen Medien mit Minenarbeiter:innen in Südafrika und dem Ruhrgebiet gemeinsam? Ist der Mensch im Gegenwartskapitalismus zu einer Art Mine geworden? Mit Fragen wie diesen erkunden die in der Ausstellung vertretenen Künstler:innen Formen des Extraktivismus im 21. Jahrhundert.
Von Diamanten bis zur Steinkohle, von Wolfram bis zu Uran, von Asbest zu den Seltenen Erden: Ohne die Extraktion von Rohstoffen aus der Erde ist weder die Kolonisierung des globalen Südens, noch die sprunghafte Entwicklung der Schwer- und Montanindustrie im Ruhrgebiet und anderen westlichen Metropolen denkbar. Sie gehört zu den kolonialen und umweltzerstörenden Grundpfeilern des Industriekapitalismus. Während die Extraktion von Rohstoffen im globalen Süden und deren Aneignung durch multinationale Unternehmen heute ungebrochen weitergeht, lassen sich in den letzten Jahrzehnten aber auch erweiterte Formen des Extraktivismus beobachten, die sich bis in das Innere des Menschen fortsetzen. In den von der digitalen Ökonomie geprägten Arbeitssphären wird selbst der menschliche Geist und Körper zu einer Art Mine, bei der der Mensch einer ökonomischen Eroberungslogik unterliegt. So werden heute auch seine innere Ressourcen, also etwa seine Träume, Emotionen und Begierden durch Konsum und Arbeit geformt und von Unternehmen angeeignet.
Die Ausstellung Inner Mining / Outer Mining bringt Positionen aus dem südlichen Afrika und Westeuropa zusammen, die sich in ganz unterschiedlichen künstlerischen Formen auf das Phänomen des Extraktivismus beziehen. Diese Nord-Süd-Perspektive und kontinentübergreifende Diskussion über alte und neue Formen der Aneignung der äußeren und inneren Natur, sowie deren Verschränkungen soll diesen Zusammenhang denk- und erfahrbar machen. In der Diskussion dieser beiden Ebenen zeigen sich zudem interessante Parallelen zwischen Südafrika und dem Ruhrgebiet.

Eröffnung

CUSS Group

2011 in Johannesburg gegründet, zählt die CUSS Group zu den ersten Künstler:innen in Südafrika, die sich in ihrer Praxis intensiv mit den Auswirkungen digitaler Technologien und von Internetökonomien auseinandersetzen. Die Aktivitäten des Kollektivs erstrecken sich von der Gründung einer Web-TV-Plattform, über Online-Publikationen und digitale Kunst bin hin zu kuratorischen Projekten. CUSS reagiert mit seiner Arbeit auf die zunehmende Verschränkung und Hybridisierung von Kommerz, Kultur und Technologie. Diesen Zusammenhang untersucht sie durch den Filter urbaner Trends, materieller Artefakte und den von Jugendkulturen im zeitgenössischen, post-postkolonialen Südafrika.

Für eine Anzahl von Veranstaltungen, darunter die von ihnen kuratierte Reihe „Video Party“ (2013- 14), haben sie unübliche Räume wie Geschäfte genutzt, um Kunst in den Alltag einzubringen und diese zu demokratisieren. Die CUSS Group besteht momentan aus Ravi Govender, Jamal Nxedlana, Lex Trickett und Zamani Xolo.

www.cuss.network

www.instagram.com/cussgroup

Pia vom Ende

Pia vom Ende untersucht in ihrer künstlerischen Praxis mit den Medien Malerei, Zeichnung, Virtual Reality und Installation gesellschaftliche Machtstrukturen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie sich Machtmechanismen im digitalen Zeitalter wandeln und anhand neuer technologischer und medialer Entwicklungen auf ganz neue Weise vermittelt und neukonfiguriert werden. Um sich dem zu nähern, bezieht sie sich in ihren Arbeiten auf Narrative aus Internet, Film und Fernsehen, und arbeitet dabei mit einer Vielzahl von Verweisen auf die Populärkultur, aber auch aus der Literatur und der Kunstgeschichte. Dadurch, dass vom Ende die Betrachter*innen auf Elemente aus ihrer eigenen digitalen Alltagswelt stoßen lässt, legt sie offen, wie verwickelt wir alle in diese Machtmechanismen sind.

Pia vom Ende studierte Malerei an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein (Halle an der Saale) und an der Kunsthochschule Weißensee (Berlin). 2021 schloss sie Ihr Meisterschülerinnenstudium bei Tilo Baumgärtel ab. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Berlin.

www.piavomende.com

www.instagram.com/piavomende

Ângela Ferreira

Ângela Ferreira wurde in Maputo, Mozambique zu einer Zeit geboren, als sich das Land noch unter portugiesischer Kolonialherrschaft befand. Aufgewachsen ist sie in dem von der Apartheid geprägten Südafrika. Ausgehend von diesen Erfahrungen beschäftigt sie sich in ihren künstlerischen Arbeiten, die Medien wie Zeichnung, Video, Installation und Skulptur umfassen, mit Fragen des Nachlebens von Kolonialismus und Apartheid in den postkolonialen Gesellschaften auf dem afrikanischen Kontinent. Ihre meist auf umfangreicher Recherche basierende künstlerische Praxis behandelt weiterhin Themen wie Antikolonialismus, internationale Solidarität, dekoloniale Mediengeschichte sowie transkulturelle Verflechtungen der Moderne.

Ferreira erhielt einen Master of Fine Arts von der der Michaelis School of Fine Art, University of Cape Town und einen Doktortitel von der Universität Lissabon. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Lissabon, wo sie zudem Bildende Kunst an der Universität unterrichtet.

www.angelaferreira.info

www.instagram.com/angela_ferreira__

Katarina Jazbec

Katarina Jazbec arbeitet in ihrer künstlerischen Praxis vornehmlich mit Film und Fotografie. In ihren Arbeiten hinterfragt sie die Möglichkeiten der objektivbasierten Medien zum Erzählen von Geschichte(n). Dafür stützt sie sich auf interdisziplinäre Recherchen und kollaborative künstlerische Ansätze wie Bewegungspartituren, Lesegruppen oder Rituale. Jazbecs Arbeit reflektiert auf die Verwundbarkeit und Handlungsfähigkeit von Mensch und Natur im Gegenwartskapitalismus und stellt dem die Suche nach neuen Formen und Verkörperungen des Zusammenlebens gegenüber. Schließlich untersucht sie nicht-institutionalisierte Wege des Wissens, insbesondere jene, die verschwiegen, aufgegeben oder unterdrückt wurden. Indem sie fiktionale Elemente in einen alltäglichen Kontext einführt, macht sie die unsichtbaren Schichten der Realität sichtbar und fordert deren Strukturen heraus.

Jazbec wurde in Slowenien geboren und lebt seit 2015 in Rotterdam. Sie erhielt ihren BA von der Wirtschaftsfakultät in Ljubljana und ihren MA in Fotografie an der Kunsthochschule AKV | St. Joost in Breda (NL). Momentan ist die Residentin an der Rijksakademie in Amsterdam.

www.katarinajazbec.com

www.instagram.com/katarinajaz

Andy Kassier

Die Arbeiten des Konzeptkünstlers und Fotografen Andy Kassier umfassen Installationen, Performances, Fotografien, Videos, Skulpturen und Malerei. Bekanntheit erlangte er durch seine Langzeit-Performance „Success is just a smile away” auf instagram (2013 – 2023). Zehn Jahre lang inszenierte Kassier sich dabei als erfolgreiche und gutaussehende Bussinesstype, die um die Welt jettet. Ob mit Laptop und enger Badehose knietief im karibischen Meer stehend, nur mit einem teuren Nerzmantel bekleidet auf einer Bergkuppe lümmelnd, oder auf der Motorhaube eines 8-er BMW mit dem Kapstadter „Table Mountain“ im Hintergrund sitzend: Andy Kassier weiß genau, wie man sein mondänes Leben in Szene setzt und seine Follower*innen an der eigenen guten Laune teilhaben lässt. Dennoch wurden diese Bilder im Verlaufe der Performance von einem anderen Kassier abgelöst: Dem auf Selbstfindungstrip nach einem Burnout. Doch auch die Bilder von Mediatationsessions und Green Smoothies gehören für einen richtigen Influencer auf instagram. Im Oktober 2023 gab Kassier bekannt, dass seine Performance nun beendet sei, da das Rollenspiel mit digitalen Identitäten mittlerweile sowieso längst zum Alltag der meisten Menschen gehöre.

Andy Kassier studierte an der Kunsthochschule für Medien in Köln bei Mischa Kuball und Johannes Wohnseifer. Er schloss sein Studium 2018 mit Auszeichnung ab. Der Künstler lebt und arbeitet in Berlin.

www.andykassier.com

www.instagram.com/andykassier

Christian Kölbl

Christian Kölbls künstlerisches Werk umfasst Installation, Malerei und Skulptur, zudem verantwortete er eine Reihe kuratorisch-künstlerischer Projekte. Kölbl verfolgt in seiner Arbeit meist einen konzeptuellen Ansatz, mit dem er die Ideologien des digitalen Spätkapitalismus und die zunehmende Verschmelzung von Konsum und Kunst untersucht. In seinen jüngeren installativen Arbeiten beschäftigt sich der Künstler vornehmlich mit Fragen der Warenästhetik und der Vermarktung des Selbst, wie sie nicht zuletzt von den sozialen Medien vorangetrieben wird. Dabei erschafft Kölbl sich selbst als Marke und lädt Konsumprodukte mit den Kreativitätsversprechen des künstlerischen Subjekts auf. Zuletzt kreierte der Künstler unter seinem Label ein Parfum, das wie ein fabrikfrisches Auto nach unverbrauchtem Lack und Leder riecht. Seine Träger*innen können sich so mit den Insignien der reichen Besitzer*innen eines Neuwagens umhauchen lassen.

Christian Kölbl studierte Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Michael Riedel und an der Frankfurter Städelschule bei Tobias Rehberger. 2019 gründete er den digitalen Kunstraums CK-Offspace. Der Künstler lebt und arbeitet in Berlin.

www.christian-koelbl.de

www.instagram.com/christian_koelb

Johannes Leidenberger

Die künstlerische Praxis von Johannes Leidenberger verortet sich im Bereich des Skulpturalen. Für seine Plastiken greift er auf Stahl, Aluminium, Bronze oder Beton zurück. Ausgehend von den jeweiligen Eigenlogiken dieser Materialien verleiht Leidenberger ihnen eine künstlerische Form. Seine Objekte verwandeln sich dabei in Systeme, die ihre räumliche Gestalt in einem Wechselspiel aus Vorstoß und Folge generieren. Durch dieses konstruktive Verfahren entstehen Abhängigkeiten und Wechselwirkungen zwischen den formgebenden Elementen. Die Oberflächen der von ihm verwendeten Metalle sind zwar in der Form, etwa durch Schleifen, Ölen, Ätzen, oder Verzinken, bearbeitet, ihre Materialität verdeckt der Künstler hingegen nicht. Diese Methode, den Betrachter*innen die Bearbeitungsspuren offen zu legen, verleiht seinen Objekten eine gewisse Rauheit. Die Materialität sowie die oft technische Anmutung der Arbeiten verortet Leidenbergers Kunst so ästhetisch im industriellen Zeitalter und der extraktivistischen Moderne.

Johannes Leidenberger studierte KulturGestaltung an der Fachhochschule für Gestaltung in Schwäbisch Hall und anschließend Freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf bei Tony Cragg und Didier Vermeiren. 2017 schloss er sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf als Meisterschüler ab. Der Künstler lebt und arbeitet in Düsseldorf.

www.johannes-leidenberger.de

www.instagram.com/johannesleidenberger

Tokolos Stencil Collective

Bei dem Tokolos Stencil Collective handelt es sich eine anonyme Gruppe von Stencil- und Graffiti-Künstler:innen sowie Aktivist*innen aus der Gegend um Kapstadt. In ihren Graffitis greifen sie aktuelle politische Fragen auf und behandeln dabei Themen wie Antikapitalismus und Antirassismus. Nach dem Massaker an Minenarbeiter:innen 2012 in Marikana starteten sie eine große Stencilkampagne im öffentlichen Raum. Der Name Tokolos ist inspiriert von dem Tokoloshe, ein Fabelwesen aus der Zulu-Mythologie, das Schrecken verbreitet. Ihr Motto lautet: "Um die Mächtigen zu terrorisieren, taucht Tokoloshe aus dem Verborgenen auf. Es erinnert die Südafrikaner:innen, ob jung oder alt, daran, dass Freiheit und Gerechtigkeit unerreichbar bleiben, wenn wir nicht bereit sind, dafür zu kämpfen."

www.tokolosstencils.tumblr.com

Helena Uambembe

Helena Uambembe ist eine angolanisch-südafrikanische Künstlerin, die mit den Medien Textil, Druckgrafik, Fotografie, Performance und Text arbeitet. In ihren Arbeiten hinterfragt sie die dyadische Beziehung zwischen dem Politischen (Weltpolitik) und dem Häuslichen (persönliche Politik). Ausgehend von ihrer persönlichen und familiären Geschichte kartiert Uambembe den ideologischen und intimen Raum, der durch die historischen und kolonialen Verbindungen zwischen der angolanischen, südafrikanischen und globalen Geschichte geschaffen wurde. 1994 in Südafrika geboren, flogen ihre angolanischen Eltern 1975 vor dem angolanischen Bürgerkrieg und ließen sich mit anderen Familien des 32er Bataillons im umkämpften Pomfret nieder. Ihre komplexe Familiengeschichte (die selbst eine Störung der gängigen Erzählungen über das postkoloniale Afrika darstellt), das 32. Bataillon, Pomfret und ihr angolanisches Erbe sind die beherrschenden Themen in ihrem multidisziplinären Ansatz.

Uambembe lebt derzeit sie in Berlin, wo sie Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) ist.

www.instagram.com/uambembe

Salvatore Vitale

Salvatore Vitale ist ein in der Schweiz lebender Künstler, Publizist und Hochschullehrer. In seiner vielschichtigen künstlerischen Praxis und Forschung konzentriert sich Vitale auf die Entwicklung und Komplexität moderner Gesellschaften, wobei er Machtstrukturen, visuelle Politik und Technologie erforscht und dabei auf eine erweiterte dokumentarische Analyse zurückgreift, die Elemente der Fiktion, der spekulativen Erzählung und der Verwendung multipler visueller Formen einschließt. Seine Arbeiten umfassen Fotografie, Video, Ton, Schrift und mündlichen Diskurs, die in Büchern, Vorträgen, Publizistik, Lehrtätigkeiten und Ausstellungsdesign vermittelt werden.

Vitale lebt in Zürich und lehrt an der Hochschule Luzern, wo er das Programm für "transmediales Erzählen" leitet. Der Künstler ist darüber hinaus Mitbegründer und Chefredakteur von «YET», einer Zeitschrift für zeitgenössische Fotografie, sowie künstlerischer Leiter von FUTURES Photography und des Internationalen Fotofestivals Turin.

www.salvatore-vitale.com

www.instagram.com/salvatorevitale_

Inner Mining / Outer Mining:

A global constellation

3. Februar - 14. März 2024

Eröffnung
Freitag, den 2. Februar, 19 Uhr

Künstler:innen:
CUSS Group
Pia vom Ende
Ângela Ferreira
Katarina Jazbec
Andy Kassier
Christian Kölbl
Johannes Leidenberger
Tokolos Stencil Collectiv
Helena Uambembe
Salvatore Vitale

Kuratorenführungen
Samstag, den 3. Februar, 16 Uhr
Samstag, den 24. Februar, 16 Uhr
Donnerstag, den 14. März, 16 Uhr

Filmscreening
in Kooperation mit dem Dortmunder U

Freitag, den 23. Februar, 20 Uhr
This Is Not a Burial, It's a Resurrection
Regie: Lemohang Jeremiah Mosese

Kino im Dortmunder U
Leonie-Reygers-Terrasse, 44137 Dortmund

Finissage & Kuratorenführung
Donnerstag, den 14. März, 19 Uhr

Kurator:
Julian Volz

Ausstellungskonzept:
Julian Volz in Kooperation mit Christian Kölbl

Abbildungen Werke: © die Künstler:innen
Titelgrafik: © Viola Dessin
Fotos Eröffnung: © JS/Künstlerhaus Dortmund

Broschüre zur Ausstellung (PDF)

Freundlich unterstützt durch: Kulturbüro Dortmund

Die Ausstellung findet im Rahmen des erstmals vom Künstlerhaus Dortmund vergebenen Curate!-Kurator:innenstipendiums statt.

100 Jahre Waschkaue

Inner Mining / Outer Mining ist die erste von drei Jubiläumsausstellungen zum 100. Geburtstag der Räumlichkeiten des Künstlerhauses Dortmund. Das Gebäude wurde 1924 als Waschkaue und Betriebsgebäude für Schacht Westfalia erbaut und später als Bürogebäude der Westfälischen Wohnstätten AG, als Verwaltungssitz der Deutschen Edelstahlwerke und zuletzt von der Fachhochschule für Design genutzt. 
Studierende dieser Schule besetzten das Gebäude und erkämpften den heutigen Status, die Selbstverwaltung. 1987 wurde das Künstlerhaus mit Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen, der Stadt Dortmund und der Sparkasse Dortmund renoviert und umgebaut. Im Rahmen der Jubiläums-Ausstellungen wird es ein Programm mit Akteur:innen aus der Geschichte des Hauses geben.