Die Umwelt befindet sich in ständigem Wandel, menschliches Handeln treibt diesen unaufhörlich an und schreibt sich tief in die Landschaft ein. Viele Regionen der Erde sind durch Rohstoffabbau und Industrialisierung geprägt, Extraktion schreibt die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts im Ruhrgebiet. Jetzt stehen die Zechen still und die Rohstoffausbeutung wird an Orten außerhalb Europas weitergeführt, um Versorgung, Konsum und technologischen Fortschritt im Westen sicherzustellen. Das eigene Verhältnis zum Verbrauch und seinen Auswirkungen wird so zusätzlich von seinen Ursprüngen abstrahiert. Natürliche Ressourcen werden knapper und ungerecht verteilt, der CO2-Gehalt in der Atmosphäre steigt, der Klimawandel macht dank fortwährender Extraktion Regionen unbewohnbar und ein konstant wachsendes Gefühl der eigenen Ohnmacht kommt auf. 
Als eine Reaktion auf die Entfremdung von unserer Umwelt und allen Lebens, was mehr als menschlich ist, entwerfen die Künstler:innen der Ausstellung Praktiken und Denkspiele und laden auch zum aktiv werden ein, sich der Welt im Anthropozän aus neuer Perspektive zu nähern. Dabei nutzen sie VR, Video, Installation aber auch interaktive Games. Trotz der vielgestaltigen Ästhetiken haben die Installationen eines gemein, sie hinterfragen unsere gegenwärtige Verortung in der Welt und unsere Beziehung zur Natur auf eine spielerische Art und Weise.

Patricia Dominguez

Matrix Vegetal kombiniert experimentelle Ethnobotanik, südamerikanisches Quantendenken, Traumfiktion und organische Verbindungstechnologien, um die Wahrnehmung zu erweitern und die Funktionsweise des pflanzlichen und spirituellen Universums besser zu verstehen. Ausgehend von botanischer Science-Fiction schlägt das Video eine Wiederherstellung der Kommunikation zwischen dem Menschlichen und dem Übermenschlichen vor. Es stellt Visionen, Lehren und Wege dar, die das Pflanzenuniversum liefert, und bietet eine poetische Perspektive der zeitgenössischen Existenz, die eng mit der Erde verwoben ist.
Die Videoinstallation ist eine künstlerische Interpretation der Erfahrungen von Patricia Domínguez, die bei Amador Aniceto, einem in Madre de Dios, Peru, lebenden Heiler, in die Lehre gegangen ist. Amador wurde von den Pflanzen als "Generalarzt der Flora und Fauna des Universums" für seine heilige, vielfältige und mystische Vision des Pflanzenuniversums geweiht.
Unter seiner Anleitung aktivierte die Künstlerin eine intime Verbindung zu lebendigem, organischem Wissen. So versuchte sie, sich vorübergehend von der digitalen Matrix zu lösen und stattdessen eine Verbindung mit der pflanzlichen Matrix herzustellen. Auf diese Weise stellte sie eine Verbindung mit einer Sprache her, die über das Menschliche hinausgeht und sich mit dem planetarischen Gedächtnis verbindet.
Patricia Domínguez wurde 1984 in Santiago, Chile, geboren und lebt und arbeitet in Puchuncaví, Chile. Domínguez greift mit einer Vielzahl von Medien auf Mythen, Symbole, Rituale und Heilpraktiken zurück und verbindet künstlerische Fantasie mit experimenteller Forschung zur Ethnobotanik. Sie arbeitet mit Aquarellen, Keramiken, skulpturalen Assemblagen und Videoinstallationen, um schreinähnliche Bilder zu schaffen, die aus einem visuellen Vokabular stammen, das von der Pflanzenwelt über Konsumgüter bis hin zu Wellness-Programmen von Unternehmen und der digitalen Welt reicht.

www.patriciadominguez.cl

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Nieves de la Fuente

Der narrative Ausgangspunkt der Mixed-Reality-Installation Night Companions ist das Verhalten von Mistkäfern, die sich am polarisierten Licht des Mondes oder - in mondlosen Nächten - an der Milchstraße orientieren, wenn sie nicht durch städtische Lichtverschmutzung oder Kommunikationssatelliten gestört werden. Wie gehen nicht-menschliche Akteure wie Mistkäfer mit diesen neuen Körpern am Himmel um? Sind sie unerklärliche Ereignisse? Verwirrende Elemente? Totems? Gottheiten?
Die Skulpturen der Installation erinnern an die Panzer von Mistkäfern, um die es auch in der VR-Arbeit geht. Auf einer Kugel sitzend, die den Mistkugeln ähnelt, die diese Käfer transportieren, navigieren Bsucher:innen durch die Landschaft. Auf der Waldlichtung müssen sie Sternbilder ausfindig machen, die ihnen helfen, Kot zu finden, den sie ihrer Kugel hinzufügen können. Mit Hilfe eines VR-Trackers entscheiden sie zwischen polarisiertem natürlichem Licht und von Satelliten erzeugten Lichtreflexionen, um sich mittels Eye-Tracking durch eine virtuelle Erzählung zu bewegen. Fehler bei der Identifizierung der Konstellationen aktivieren die nach vorne gerichteten Kameras der VR-Brille und enthüllen den tatsächlichen Raum um die Besucher, während ein Kommunikationssatellit sie mit maschinenähnlichen Ausdrücken anspricht. In Night Companions verknüpft Nieves de la Fuente Gutiérrez reale räumliche und virtuelle Erfahrungen menschlicher und nicht-menschlicher Perspektiven in einem spekulativen Versuch, Störungen in tierischen Navigationssystemen und einen Aufruf zur Empathie anzusprechen.
Nieves de la Fuente, geboren 1988 in Madrid, Spanien, erhielt ihren Bachelor of Fine Arts an der Universidad Complutense de Madrid. Von 2013 bis 2016 studierte sie an der Kunsthochschule für Medien Köln, wo sie ihr Aufbaustudium abschloss. 2018 arbeitete sie als künstlerische wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Kunsthochschule für Medien Köln und später an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.

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Wiebke Meischner

Es ist vielleicht nur ein kurzer Moment von Illusion, aber in diesem scheint es, als würde echter Bambus im Ausstellungsraum wachsen. Filigran und leicht geneigt stehen die einzelnen Bambusstangen für sich, wobei sie wirken als seien sie einem einfachen VR-Environment mit einer Low-Poly-Ästhetik entsprungen. Ihr Aussehen folgt mit ihren segmentierten Halmen, ihrer einheitlichen Größe und der rhizomatischen Verteilung im Ausstellungsraum Wachstumsprinzipien von Bambus. Doch sind sie keine simplifizierte, mimetische Nachbildung von Natur. Die Bambusse behaupten ein Stück tatsächlicher Natürlichkeit für sich, denn dem Filament, aus dem sie 3D-gedruckt sind, ist bis zu 30% Bambusfaser beigemischt. Dadurch soll laut Hersteller eine natürliche Haptik und authentische Holzästhetik erzielt werden. So reihen sich diese künstlichen Bambuspflanzen in eine (künstlerische) Tradition von menschlichen Versuchen ein, mithilfe von Technik Natur zu imitieren. Bambus eignet sich besonders gut für diese Art der Aneignung, gibt es trotz unzähliger verschiedener Wuchsformen doch typische und vereinfachte Idealbilder der Pflanze. Dies zeigt sich beispielsweise auch Ende des 19ten Jahrhunderts in der Mode von „faux bamboo“-Möbeln, die aussehen sollten, als seien sie aus Bambus gemacht, obwohl sie aus anderen Holzarten gefertigten wurden. Doch gegen diese Art der Vereinnahmung versperrt sich dieser falsche Bambus und bewegt sich in einem Zustand des Dazwischens von technischer Nachbildung und authentischer Materialität.
Wiebke Meischner lebt und arbeitet in Essen und studierte bis 2022 Fotografie an der Folkwang Universität der Künste.

www.wiebkemeischner.net

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Maria Resende Santos & Graham Livingston

Die Gartenbeete binden den vom laufenden Server produzierten CO2-Ausstoß. Die einzige auf dem Server gehostete Website, https://tendergarden.io, berechnet und protokolliert in Echtzeit die CO2-Bilanz zwischen Garten und Server. Ausstoß und Bindung geschehen aber in radikal unterschiedlichen Zeitlichkeiten.
Die in den letzten Jahrzehnten entstandene CO2-Wirtschaft versucht eine Methodik zu erfinden, um die wirtschaftliche Produktion mit deren biochemischen Auswirkung auf die Umwelt zu verbinden. Die Arbeit inszeniert solche Konversionen zwischen Daten, Energie, Kohlenstoff und biochemischer Arbeit und wirft dadurch Fragen zu aktuellen CO2-Berechnungsmodellen auf. In der Arbeit materialisiert sich der ökologische Fußabdruck der digitalen Wirtschaft. In weiterem Sinne stellt tendergarden.io die Wirksamkeit der Logik von Finanzprodukten im Bezug auf CO2 Politik in Frage. 
Marina Resende Santos ist eine in Berlin lebende Künstlerin und Forscherin. In ihrer Arbeit befasst sie sich in Interventionen im öffentlichen Raum und forschungsbasierten Projekten mit Fragen der Handlungsfähigkeit, Technologie und Ökologie im urbanen Raum. Sie hat einen Abschluss in vergleichender Literaturwissenschaft an der University of Chicago und absolviert derzeit einen Masterstudigengang an der weißensee kunsthochschule berlin. Sie war Redakteurin des Lumpen Magazins und ist Mitbegründerin des Projektraums Make-up in Berlin.
Der in Chicago lebende Künstler und Autor Graham Livingston beschäftigt sich mit den komplexen Überschneidungen zwischen der digitalen und der physischen Welt. Er lehrt derzeit neue Medienkunst an der University of Illinois at Chicago und untersucht, wie unsere Wahrnehmung von Objekten, Umgebungen und Menschen durch ihre digitalen Repräsentationen geprägt wird. Durch seine transmediale Praxis, die Objekte, Installationen und Performances umfasst, schafft Livingston vielschichtige Perspektiven auf seine Themen, die räumliche, physische und digitale Plattformen umfassen. In seinen jüngsten Arbeiten hat er sich mit Themen wie computergestützter Periskopie, städtischen Bildschirmökologien und der Geografie des Internets beschäftigt. Jedes Projekt unterstreicht die allgegenwärtige und sich entwickelnde Natur der Digitalität in unserer heutigen Welt.

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Camilo Sandoval

Camilo Sandoval ist ein multidisziplinärer Künstler mit Schwerpunkt auf experimentellem Computing. Ausgehend von einer animistischen Perspektive setzt er sich für eine Mensch-Maschine-Beziehung der Koexistenz und Symbiose ein. Neben vielen anderen Themen beschäftigt er sich mit der Ethik und Moral der Maschinenidentität/des Maschinengeistes, dem Transhumanismus, der Mensch-Maschine-Kooperation und -Erziehung sowie mit allem, was mit der Verkündigung der Zukunft künstlicher Systeme zu tun hat.
Honour Providence, Honour Good Men ist ein Arcade-Spiel für zwei Spieler. Es beschäftigt sich mit unserer Beziehung zur Natur: Ausbeutung von Ressourcen vs. Erhaltung von Land. Beide Spieler haben 2 Minuten Zeit, um in Echtzeit auf derselben Karte gegeneinander anzutreten: Spieler eins muss abholzen und Mineralien wie Kobalt, Nickel und Lithium (die für die heutige Elektronikindustrie unverzichtbar sind) finden und Minen bauen, um sie abzubauen; Spieler zwei muss diese Minen abbauen und dann auf dem Land, auf dem die Bäume abgeholzt wurden, wieder aufforsten. Die einfache Spielmechanik sorgt für eine wettbewerbsorientierte Erfahrung, die den Spieler durch das Rollenspiel dazu einlädt, über Gier, Kapitalismus mit unbegrenztem Wachstum, Gleichgewicht, Extraktivismus und den Wert von Ressourcen nachzudenken... Die Konsole wurde aus recycelten Materialien gebaut: einem Ölfass, wiederverwendeten Computerbildschirmen und wiederverwertetem Holz. Die Anordnung der Bildschirme übereinander macht es notwendig, sich nicht nur virtuell, sondern auch physisch in eine Macht-Ohnmacht-Situation zu begeben. Sie wird zu einer Metapher für koloniale Machtstrukturen.

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Guilty Pleasure, Mineral Treasure

17. August - 6. Oktober 2024

Presserundgang / Kurator:innenführung
Freitag, den 16. August, 17.30 Uhr

Eröffnung
Freitag, den 16. August, 19 Uhr

Künstler:innen:
Patricia Dominguez
Nieves de la Fuente
Wiebke Meischner
Maria Resende Santos & Graham Livingston
Camilo Sandoval

Hafenspaziergang 
Samstag, den 31. August, 14 - 19 Uhr

DEW21-Museumsnacht
Samstag, den 21. September, 16 - 22 Uhr
19 Uhr Kurator:innenführung

20 Uhr, Konzert / Performance: WIFI Gold (Live)
Der Dortmunder Musiker WIFI Gold spielt ein Live-Set, irgendwo zwischen experimenteller elektronischer Musik, Quarter-Life-Crisis-Jazz und 404-error-pages-IDM.

Kurator:innen:
Jana Kerima Stolzer & Lex Rütten

Freundlich unterstützt durch:
Kulturbüro Dortmund