Ein Teelöffel gesunder Erde enthält mehr Mikroorganismen als Menschen auf der Erde existieren, ein gesundes Bodenmikrobiom wird zunehmend mit einer gesunden menschlichen Darmflora in Verbindung gebracht: Der Boden befindet sich nicht nur unter uns, sondern auch in uns. 
Der Boden als Teil einer Vielzahl verwobener (Erd-)Realitäten, tritt vor allem während globaler Krisen in den Vordergrund, im Kampf um Ressourcen, als Territorium, als Rohstofflieferant. Gleichzeitig offenbart sich seine ökologische Dimension, wenn die Rohstoffe versiegen und devastierte, kontaminierte Flächen zurückbleiben. 
Der Fokus auf den Boden stellt die Frage nach dem Fundament, auf dem eine Gemeinschaft im Sinne eines gleichberechtigten, solidarischen und freundlichen Zusammenlebens wachsen kann. Die Ausstellung Tingling Earth - Schauer unter der Haut der Erde 🔥 ist eine Einladung, über unsere Gegenwart, über neue Realitäten und über gemeinwohlorientierte Zukunftsvisionen nachzudenken. 
Die Ausstellung versteht sich als offener Raum für Diskussion, gemeinsames Lernen, Praxis und Veränderung. So finden kurz vor der Eröffnung sowie während der Laufzeit Workshops statt, zu der die interessierte Öffentlichkeit eingeladen ist. 
Welches Potenzial liegt in der Kunst, Praktiken zu entwickeln, durch die Verwandtschaften (wieder) entstehen und ihre Strukturen sichtbar werden? Auf welchem Boden könnte sich eine ökologische Union entwickeln?
Anknüpfend an die Ausstellung Unheimliche Verschiebungen (Urbane Künste Ruhr) zeigt das Künstler*innenhaus Dortmund mit Tingling Earth – Schauer unter der Haut der Erde 🔥 eine Gruppenausstellung, die als eine Ausstellung-in-der-Ausstellung verstanden werden kann.

Valentin Bansac und Alice Loumeau (MATTERS.xyz)

MATTERS.xyz ist ein Duo für künstlerische Forschung, das durch die künstlerische Praxis und Kuratieren neue territoriale Narrative erkundet, gegründet von Valentin Bansac und Alice Loumeau. Ihre Untersuchungen porträtieren die Verflechtung menschlicher und nicht-menschlicher Verläufe entlang politischer und ökologischer Kontroversen. 
Valentin arbeitet mit Fotografie und Film; Alice konzentriert sich auf Schreiben und Kartografie. Ihre Feldarbeiten reichten von den Bergbaugebieten der schwedischen Arktis über die verbrannten Wälder Südfrankreichs bis zu den Ölfeldern West-Texas'. MATTERS.xyz war an mehreren Ausstellungen, Publikationen und Residenzen beteiligt, darunter unter anderem Villa Albertine, TBA21, Biennale di Venezia, POUSH und F'AR Lausanne. Soil Archives: Digging for Thick Commons, das für die Ausstellung im Künstler*innenhaus Dortmund adaptiert wird, entsteht als Kooperation zwischen den Künstlerinnen und der Geologischen Sammlung des Ruhr Museums.

www.collectivematters.xyz

www.valentinbansac.com

www.instagram.com/collectivematters.xyz

Lisa Biletska

Lisa Biletska lebt in Kyjiw und arbeitet mit Text, Übersetzung und Computern. Ihr laufendes Projekt ist Noha – eine Zeitschrift für literarisches dokumentarisches Schreiben. Seit Russlands umfassender Invasion in der Ukraine hat Lisa unter anderem Brände auf der Kinburn-Halbinsel dokumentiert; toxische Abfälle im Schwarzen Meer; sowie ukrainische Kinder, die als Geflüchtete auf der Kurischen Nehrung leben. Glowwood (2020) ist ein Deck ökologischer Karten, das als offener poetischer Rahmen für Gespräche dient. Im August wird Lisa Blietska im Künstler*innenhaus Dortmund zwei Glowwood-Gruppensitzungen für die interessierte Öffentlichkeit anbieten.

www.vasilivna.github.io

Viktor Brim und Emerson Culurgioni

Viktor Brim (geb. 1987, Usbekistan) untersucht, wie sich Macht und Infrastruktur in Territorium einschreiben – von postsowjetischen Extraktionszonen bis zu den maritimen Korridoren der Neuen Seidenstraße. In der Arbeit mit operativen und Satellitenbildern zeichnet er nach, wie die scheinbar immaterielle digitale Ökonomie auf einem dichten materiellen Substrat aufruht – von der Mineralienlagerstätte bis zur Render-Oberfläche –, wodurch periphere Landschaften in operative Felder verwandelt werden. Seine Filme und Installationen verweilen in langen, statischen Einstellungen auf menschenleeren Orten und verbinden dokumentarisches Material mit 3D-Synthese. Er stellte im M HKA Antwerpen, im Eye Filmmuseum Amsterdam und bei den Kurzfilmtagen Oberhausen aus. Er lebt in Köln.

Emerson Culurgioni ist Medienkünstler und Filmemacher, dessen Arbeit die Wechselwirkungen zwischen industriellen Strukturen, räumlichem Wandel und sozioökonomischen Machtverhältnissen erkundet. Sein Fokus liegt darauf, wie sichtbare und unsichtbare Einflüsse physische, digitale und soziale Räume transformieren. Er verbindet dokumentarische und essayistische Ansätze, um ästhetische und strukturelle Verflechtungen von Macht und Ressourcenkontrolle zu untersuchen. Seine Filme LEUNA, HABITAT, LA DUNA und AUSBEUTUNG wurden in Ausstellungen und auf internationalen Festivals gezeigt. Ausgebildet an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB) bei Alba D'Urbano und Clemens von Wedemeyer, zeigte er seine Arbeiten seither an Orten wie Visions du Réel und bei der Sächsischen Landesausstellung.

www.viktorbrim.com

www.emersonculurgioni.com

www.instagram.com/emerson.culurgioni

Anna Charlotte Frevel

Anna Charlotte Frevels Arbeit umfasst Malerei, Installation und bildhauerische Praktiken sowie algorithmische Bild- und Formgenerierung. In ihrem Kern liegt die Untersuchung von Form als Ergebnis dynamischer Wechselwirkungen zwischen biologischen, materiellen und technischen Systemen.
Ausgehend von Prozessen der Bildtransformation und materialgetriebener Formgenese entstehen ihre Arbeiten durch die Überlagerung digitaler und analoger Prozesse. Generierte Bildstrukturen werden in Malerei übersetzt, Materialien entwickeln in offenen Prozessen ihre eigene Dynamik, und algorithmisch modellierte Wachstumsprozesse werden in räumliche Situationen überführt. In Zusammenarbeit mit Maximilian Dörbecker entstehen zudem bildhauerische Arbeiten, in denen sich Material als aktive Komponente des Formschaffens entfaltet und mit Raum und Umgebung interagiert.
Frevel arbeitet außerdem als Theaterpädagogin und entwickelt performative Formate, die sich mit der Konstruktion von Erinnerung und Biografie als kollektiven Prozessen auseinandersetzen. Diese Perspektive prägt auch ihre visuelle Praxis, in der Bilder als instabile Verdichtungen kultureller und persönlicher Einschreibungen erscheinen. Form wird nicht als geschlossene Entität verstanden, sondern als emergente Konstellation, in der Autorschaft als verteilter, fortlaufender Prozess sichtbar wird.

www.instagram.com/annacharlottefrevel

Paul Granjon

Paul Granjon ist Künstler und Vermittler, dessen frühe Arbeit mit selbstgebauten Robotern die Ko-Evolution von Mensch und Maschine aus einer humorvollen und kritischen Perspektive erkundete. Die Arbeit hinterfragte die Berechtigung einer schleichenden Digitalisierung, die dazu neigt, lebende Wesen durch digitale Programme und Kreaturen zu ersetzen und eine Gesellschaft zu stützen, die auf ökonomischem Profit, Überwachung und Extraktion beruht. Sein Interesse an existenziellen Fragen der Resilienz und ökologischen Verstrickung wuchs über die Jahre, getragen von der Überzeugung, dass eine erneuerte Beziehung zu pflanzlichen, tierischen und mineralischen Wesen und Umwelten, verbunden mit einem radikal neu gedachten Einsatz von Technologie, entscheidende Voraussetzungen für ein gutes Leben auf der Erde sind. Mehrere neuere Arbeiten erkunden das Potenzial elektrogener Bodenbakterien – Mikroben, die winzige Mengen Elektrizität erzeugen – für Kunstwerke, Bürgerwissenschaft und öffentliche Beteiligung. Paul ist Mitglied des Centre for Art and Ecology der Goldsmiths University London. 

www.zprod.org

www.instagram.com/paulgranjon

Lina Kusaite

Lina Kusaite ist eine in Brüssel ansässige Illustratorin und Öko-Künstlerin, deren Praxis die Beziehung zwischen dem Menschen und der natürlichen Welt erkundet. Mit einem multidisziplinären Hintergrund in Kunst, Textil und Design entwickelt sie konzeptgetriebene, detailreiche Illustrationen, die in Ökologie, Biodiversität und systemischem Denken verwurzelt sind. Ihre Arbeit umfasst redaktionelle Illustration, Ausstellungen und großformatige botanische Wandbilder sowie partizipative Workshops, die künstlerische Praxis mit Umweltbewusstsein verbinden. Sie hat zudem an internationalen umweltbezogenen Forschungsprojekten mitgewirkt, und ihre Arbeit wurde im Feld der Illustration und Öko-Kunst mit Anerkennung und Auszeichnungen bedacht.
Sie entwickelt Workshops, visuelle Arbeiten und methodische Ansätze, inspiriert von natürlichem Landbau und Pflanzengilden-Systemen, mit dem Ziel, die soziale Intelligenz von Pflanzen zu vermitteln und eine Wiederanbindung an die natürliche Welt anzuregen. Ihre Praxis wurzelt in der Überzeugung, dass die Kluft zwischen Mensch und Natur zu groß geworden ist, sich aber durch lokale, zugängliche und erfahrungsbasierte Formen des Engagements bearbeiten lässt. In diesem Zusammenhang werden essbare Pflanzenökosysteme zu einem zugleich konzeptuellen und praktischen Werkzeug, um diese Kluft durch Beobachtung, Zusammenarbeit und Fürsorge zu überbrücken.

www.behance.net/cocooncharacters

www.cocooncharacters.com

www.flickr.com/people/linakusaite

www.instagram.com/linakusaite8

Margo Zalite

Prof. Margo Zalite ist Theater- und Opernregisseurin sowie Dramaturgin/Kuratorin, Forscherin und Lehrende, deren Arbeit an der Schnittstelle von Aufführungspädagogik, digitalen Kulturen und sozialer Gerechtigkeit angesiedelt ist. Mit über fünfzehn Jahren Praxis, die Probenräume, Festivalbühnen und Universitätsseminare in Europa und darüber hinaus umspannt, bringt sie sowohl intellektuelle Strenge als auch kreative Offenheit in alles ein, was sie tut.
Sie hat eine Professur für Dramaturgie und interdisziplinäre Musikprojekte an der Kunstuniversität Graz (KUG) inne, wo sie ein neues Programm aufbaut, das künstlerische Forschung, Zusammenarbeit und kritisches Denken ins Zentrum der Musiktheater-Ausbildung stellt. Sie arbeitet außerdem am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen, das für interdisziplinäre kollektive Arbeit bekannt ist, und leitet das Sustainable Theater Lab am Ligeti Center in Hamburg – einen Knotenpunkt für gemeinschaftlich verwurzelte, ökologisch und sozial bewusste Performance-Projekte, das sie mit Energie und Überzeugung weiterentwickelt.
Von 2020 bis 2024 war sie Künstlerische Co-Direktorin des Theaterfestivals FAVORITEN in Dortmund, wo sie eine Plattform für grenzüberschreitende interdisziplinäre Arbeit kuratierte. Zuvor arbeitete sie als Assistentin der Künstlerischen Leitung bei der Ruhrtriennale.
Margos Praxis ist von einem tiefen Engagement für inklusives und partizipatives Kunstschaffen geprägt – für das Schaffen von Räumen, in denen marginalisierte Stimmen nicht nur repräsentiert, sondern wirklich gehört werden. Ihre aktuelle Forschung erkundet KI, Performance und die Frage, wie eine gerechtere künstlerische Praxis in der Praxis tatsächlich aussehen könnte.

www.instagram.com/margo_zalite

Tingling Earth – Schauer unter der Haut der Erde 🔥

Eine Ausstellung des Künstler*innenhauses Dortmund in Kooperation mit Urbane Künste Ruhr

22. August - 6. September 2026 (Erdgeschoss)
9. September - 4. Oktober 2026 (Kelleratelier (Durchgang durch den Hof))

Eröffnung
Samstag, den 22. August, 19 Uhr

Künstler*innen:
Valentin Bansac und Alice Loumeau (MATTERS.xyz)
Lisa Biletska
Viktor Brim und Emerson Culurgioni
Anna Charlotte Frevel
Paul Granjon
Lina Kusaite
Margo Zalite 

Kurator*innen:
Natalia Matsenko, Lex Rütten, Jana Kerima Stolzer, Yuri Yefanov

Abbildungen Werke: © die Künstler*innen

Öffnungszeiten 22.8. - 6.9.26
Mi - So: 11 - 19 Uhr

Öffnungszeiten 9.9. - 4.10.26
Mi - So, 11 - 18 Uhr

Parallel im Laboratorium
SILENT SOLDIERS

Freundlich unterstützt durch:
Kulturbüro Dortmund, Bergmann Bier

Workshop

Conviviality After Landscape
der Forschungsgruppe „Infrastruktur. Ästhetik und Versorgung“ der Ruhr Universität Bochum

3. - 4. September 2026
Künstler*innenhaus Dortmund

Auf verwahrlosten Relikten der Infrastruktur, Ruinen der Industrie, wo der Untergrund degradiert und kontaminiert hinterlassen wurde, entstehen originäre Ökosysteme, die uns dazu herausfordern, über innovative und widerständige Formen des Miteianders und der Solidarität nachzudenken. Der interdisziplinäre Workshop erforscht künstlerisch forschende sowie partizipative Ansätze, die sich mit den Potenzialen verwundeter Landschaften auseinandersetzen und verflechtet diese mit theoretischer Forschung.

Informationen und Programm