
Gewalt gegen Frauen, Kinder, queere und trans* Personen sowie gegen andere marginalisierte Gruppen ist eine globale Realität, die tief in sozialen Strukturen, Normen und Machtverhältnissen verankert ist. Mit Fotografie, Film, Installation und textbasierte Werken machen Jenny Bewer, Raika Er, Suse Itzel, Simone Karl & Jay Ritchie diese Gewalt sichtbar und schaffen einen Raum für Austausch und Reflexion, der auch Möglichkeiten von Solidarität und Heilung aufscheinen lässt.

Jenny Bewer (sie/ihr), geboren 1990, ist Fotokünstlerin aus Hamburg. Sie studierte Fotografie und Medien an der Fachhochschule Bielefeld (Abschluss 2016) und wurde bereits 2015 mit dem Bourse du Talent Award ausgezeichnet, mit Ausstellungen in Paris, Lille und Arles.
Ihr Projekt For Those Who Cared über den Verlust ihres Vaters während der Corona-Pandemie wurde 2024 für das Boutographies Festival Montpellier sowie den Portfolio Walk der Deutschen Akademie der Fotografie in den Deichtorhallen Hamburg ausgewählt. 2025 nahm sie an den Wiesbadener Fototagen teil. Von 2021–2024 war sie Residentin im Künstler*innenhaus Vorwerk-Stift Hamburg und Teil der Galerie21.
In ihren Werken verarbeitet Jenny Bewer traumatische Erfahrungen, die sie emotional und körperlich erlebt hat. Das Bildermachen ist für sie ein Ventil, diesen Erlebnissen eine konkrete Form zu geben und Zustände der Ohnmacht aufzulösen. Ausgangspunkt ist ein traumatisches Ereignis während ihres Studiums, durch das sie eine Autoimmunerkrankung entwickelte – einen Zusammenhang, den sie erst Jahre später erkannte. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit dem Zusammenspiel von Trauma und Körper als Erinnerungsmedium. Dabei ist ihr bewusst: Was sie als individuelles, persönliches Trauma erlebt hat, ist zugleich Teil einer kollektiven Erfahrung von Frauen. Ihr Körper trägt eine Geschichte, die auch die Geschichte vieler anderer ist – und genau in diesem Spannungsfeld zwischen dem ganz Eigenen und dem geteilten Erleben entsteht ihre künstlerische Arbeit.
Veröffentlichungen u. a. in DIE ZEIT, Stern und FAZ Quarterly. Als Vorstandsmitglied des Kollektivs herspective setzt sie sich für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Fotografie ein.

Raika Er ist eine interdisziplinäre Künstlerin, Performerin und Filmemacherin. In ihren Arbeiten untersucht sie die Themen von postmigrantischer Identität und Resilienz. Medienübergreifend widmet sie sich Fragen des intergenerationellen Erinnerns, intersektionaler und materieller Feminismen sowie von Zugehörigkeit.
Für Çiçek ist ein experimenteller Dokumentarfilm, der zwischen 2022 und 2025 entstanden ist. Gemeinsam mit ihrer Mutter kehrt die Filmemacherin in das seit Jahren verlassene Haus ihrer Großmutter in der Türkei zurück. Für Çiçek folgt den Spuren rassistischer und patriarchaler Gewalt über die Generationen hinweg und fragt, ob sich eine Sprache für das Unaussprechliche finden lassen kann, und ob Heilung möglich ist.
Die Arbeit TO HOLD WHAT BREAKS verortet Wut als marginalisierte Emotion in gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Wut nicht für alle gleichermaßen legitim ist: Während sie bei privilegierten Personen häufig als Stärke oder Durchsetzungsfähigkeit gilt, wird sie bei FLINTA* und BIPOC pathologisiert, abgewertet oder als Bedrohung markiert. In Anlehnung an Sara Ahmed versteht TO HOLD WHAT BREAKS Wut nicht als rein innerpsychischen Zustand, sondern als relationale Kraft, die zwischen Körpern, Normen und Bedeutungen zirkuliert. Wo Wut persönliche Erfahrung mit struktureller Kritik verbindet, wird sie zum Ausgangspunkt emanzipatorischer Bewegungen.

Suse Itzel (*1984) ist Filmemacherin, Künstlerin und Autorin. Medienübergreifend beschäftigt sie sich mit Erinnerung, Trauma und sexualisierter Gewalt.
Ihr autobiographischer Kurzfilm Ich hätte lieber einen anderen Film gemacht wurde auf zahlreichen Filmfestivals gezeigt und ausgezeichnet. Projektionen von Kindheits-Räumen wandern durch Räume und färben die Gegenwart ein. Die Familie taucht nur als Lücke auf. Die Stimme der Filmemacherin erzählt von der sexualisierten Gewalt, die sie als Kind ihrer Familie erlitten hat und von den Folgen, die eine derartige Gewalt haben kann. Neben dem filmischen Ansatz ist für Suse Itzel die Arbeit mit gesprochenem und visualisiertem Text zentral. Therapiebögen und Ordner werden zum Material. Mit Sehnsucht und Sorge nähert sie sich in der Installation Rechtsprechungsdatenbank NRW als Künstlerin und Überlebende dem Gericht und dem Justizsystem. Suse Itzel studierte an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Momentan arbeitet sie an der Konzeption ihres ersten langen Dokumentarfilms. In Köln ist sie außerdem Mitbegründerin der queer-feministischen Lese- und Talkreihe [OHNE PRONOMEN].

Simone Karl arbeitet in den Medien Installation, Skulptur, Objekt und Collage und untersucht die Widerständigkeit verletzlicher Körper. Sie interessiert sich besonders für deren Fähigkeit, Spannungen zwischen scheinbar gegensätzlichen Zuständen auszuhalten: Abwehr und Anziehung, Sicherheit und Gefahr, Schutz und Angriff erscheinen nicht als binäre Pole, sondern als ineinander verschränkte Kräfte, aus deren Koexistenz zugleich einladende und gefährliche Formen hervorgehen, die Bedrohung begegnen und sich einer Reduktion auf Passivität widersetzen.
Sie schloss ihr Studium 2017 mit dem Master of Arts in Hamburg ab. Es folgten Arbeitsaufenthalte in Frankreich, Italien, Polen, Portugal, Spanien, Slowenien und Deutschland. Sie erhielt das stART.up Stipendium der Claussen-Simon-Stiftung und war Jahresstipendiatin der Sparkassen-Kulturstiftung Stormarn.
Ihre Arbeiten wurden national und international gezeigt. Unter anderem: lokal_30 (PL), Goyki3 Art Inkubator (PL), Kunsthaus Baurs Park (DE), Kunsthaus Erfurt (DE), Kunsthaus Hamburg (DE), Kunstverein Gastgarten (DE), Kunsthalle Wilhelmshaven (DE), Galerie in der Wassermühle Trittau (DE), Michael Cacoyannis Foundation (GR) und Kunstverein Erlangen (DE).

Jay Ritchie (er/dey) ist ein Künstler* aus Berlin, dessen Praxis inter- und transdisziplinäre Ansätze verbindet. In Installationen, Fotografien, Audioarbeiten, Video-Performances und textbasierten Werken beschäftigt er sich mit Identität, queerer Sichtbarkeit und der Hinterfragung normativer Strukturen. In unterschiedlichen Arbeiten spricht Ritchie als betroffene Person über Traumata, die im künstlerischen Prozess aufgegriffen und sichtbar gemacht werden. Im Zentrum steht der Umgang mit den sichtbaren und unsichtbaren Spuren sexualisierter Gewalt, die Körper, Denken und Handeln nachhaltig prägen können. Der Körper erscheint dabei als Träger des Traumas und zugleich als Ort von Aufarbeitung, Heilung und Widerstand – verletzlich und resilient zugleich. Ritchie löst diese Erfahrungen aus der individuellen Perspektive und versteht sie als kollektives Phänomen, das gesellschaftlich zu bearbeiten gilt. Durch diese Form der Thematisierung erschafft Ritchie einen Ort der Auseinandersetzung, der sich queer-feministisch und kraftvoll den Themen Scham, Schuld und Selbstbehauptung widmet und Verletzlichkeit als politischen Akt begreift.
Ritchie graduierte 2022 als Meisterschüler* bei Prof. Tina Bara an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, nachdem er dort bereits 2020 sein Diplom erworben hatte. Zuvor absolvierte er 2016 die Ostkreuzschule für Fotografie und Gestaltung in Berlin. Ritchie ist u. a. Preisträger* des BMW Photo Award 2026, von gute aussichten – junge deutsche fotografie 2020/21 sowie des Deutschen Jugendfotopreises. Zu seinen Ausstellungen zählen u. a. das MdbK Leipzig, die Deichtorhallen Hamburg, das Landesmuseum Koblenz und die Spinnerei Leipzig.
19. September - 8. November 2026
Preview / Kuratorinnenführung
Freitag, den 18. September, 17.30 Uhr
Eröffnung
Freitag, den 18. September, 19 Uhr
Künstler*innen:
Jenny Bewer
Raika Er
Suse Itzel
Simone Karl
Jay Ritchie
Kuratorinnen:
Maria Schleiner, Elly Valk-Verheijen
Titelgrafik: Carla Selva Matthes
Abbildungen Werke: © die Künstler*innen
Freundlich unterstützt durch:
Kulturbüro Dortmund, Bergmann Bier