
Die Ausstellung beleuchtet in fünf künstlerischen Positionen verschiedene Facetten von Körper und Körperlichkeit. Kinetische Objekte, Skulpturen und Videos von Birgit Brenner thematisieren körperliches Begehren und unerfüllte Sehnsüchte in Beziehungen, ebenso wie materielle Begierden. In der theatralen Inszenierung einer 3D-Videoanimation, mit eigens komponierter Musik, zeigt Dominik Geis Rollenbilder des Männlichen, Ideologien und Machtstrukturen auf. Der Beginn neuen Lebens: In einer Installation und einer vokalen Performance mit der Sängerin und Tänzerin Leonie Türke verbindet Ja Jess Wissenschaft und Lebensrealität mit Poesie und der Mystik vergangener Jahrhunderte. Janis Löhrer fokussiert queere Identität und Begehren, aber auch Einsamkeit, Anonymität und Scham und versetzt Besucher*innen in ein profanes sportliches Setting. Die großformatigen Malereien von René Spitzer transformieren monumentale mythische Schlachtenbilder in die Gegenwart, als Allegorien universeller Kämpfe.

Birgit Brenner (*1964) widmet sich in ihrer eigenen Bildsprache gesellschaftlichen wie privaten Zuständen, Ängsten und den Herausforderungen des Alltags. Ihre kritischen Arbeiten kreisen um Themen wie Ungerechtigkeit, Scheitern, Glücksversprechen, Einsamkeit und Angst sowie zunehmend um die unwiderruflichen Folgen des menschlichen Einflusses auf den Planeten im Zeitalter des Anthropozäns. In medienübergreifenden Arbeiten hinterfragt Brenner die von Menschen geschaffenen Strukturen und Systeme, insbesondere deren Spannungsfeld zwischen schöpferischer Innovation und zerstörerischer Kraft.
So entstehen raumgreifende Installationen ebenso wie intime Zeichnungen und Videoprojektionen. In der Gegenüberstellung analoger und digitaler Sehmuster, von Perfektion und Do-it-yourself sowie realem Leben und künstlicher Konstruktion formuliert sie Kommentare und Fragen zu aktuellen Themen.
Birgit Brenner machte 1996 ihren Meisterschülerabschluss an der Hochschule der Künste in Berlin und lehrt seit 2007 an der Staatlichen Akademie der Künste in Stuttgart. 2020 war sie Stipendiatin der Villa Massimo in Rom und wurde mit dem Wolfsburger Kunstpreis ausgezeichnet.
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Im Zentrum von Dominik Geis' künstlerischer Praxis steht der Körper als Bühne und Spiegel sozialer, kultureller und medialer Einschreibungen. Geis untersucht, wie Normen, Machtstrukturen und Ideologien den Körper formen und wie mediale Darstellungen und digitale Technologien die Wahrnehmung von Körperlichkeit verändern. Dabei entstehen choreografische Videocollagen aus gefundenem Material, die Bild, Zeit und Klang zu bewegten Dramaturgien verweben.
Seine 3D-Videoanimation rhythm inszeniert wiederkehrende Gesellschaftsmuster. Im Zentrum stehen Gesten und Rollenbilder des Männlichen: Digital animierte Figuren performen Gesten und Bewegungen, die kulturell geprägte Körpertechniken und Vorstellungen von Männlichkeit sichtbar machen. Ein digitaler Bühnenraum mit Fernsehern und Projektionen aus Found-Footage-Collagen bildet den Rahmen für die animierten Figuren. Die kontinuierliche Kamerafahrt und die eigens komponierte Musik verbinden visuelle, performative und akustische Ebenen. Eine Live Performance ergänzt die Inszenierung.

Ja Jess (@jajess_x) )versteht die eigene Performativität als Künstler als gestaltgebende Glitches zwischen physischer Präsenz und zukünftigen Vorfahren. Dey schreibt körperliche Kompositionen, in denen Stimme zur oszillierenden Überlagerung von Körpern wird und Anatomie zu einem kollektiven, fleischlichen Archiv, das als prothetische Berührung in die Stratigrafie sozialer Architekturen weitergegeben wird.
Durch das Eintreten in solche mystifizierten Positionen innerhalb der Theatralität realer gesellschaftlicher Kontexte, wie jene der Eizellspenderin, präsentiert Ja Jess in der aktuellen Ausstellung den Werkkomplex Baby Was Born Dreaming, eingeleitet durch die Performance Donor: The Rumours Are Heirs, gemeinsam mit der Sängerin und Tänzerin Leonie Türke (@leolacy_).
Auf Grundlage von Jess’ eigener DNA, die im Rahmen derer tatsächlich durchgeführten Eizellspende in Dänemark sequenziert wurde, und einer Referenz-DNA, hat Jess einen virtuellen Embryo erzeugt. Die Performance verbindet gesprochenen Text, Gesänge von Hildegard von Bingen und Stimmkompositionen, die auf den DNA-Basensequenzen des Embryos basieren. Der liturgische Gesang versinnbildlicht zugleich die mündliche Überlieferung über Generationen hinweg, während die Bewegungen auf die Verbundenheit von Körpern verweisen. Sie sind darüber hinaus von den Reflexen Neugeborener inspiriert, die ihre Relationalität zu ihrer Umgebung anatomisch noch in sich tragen.

Janis Löhrer (1991 geboren in Aachen, lebt und arbeitet in Berlin) studierte Freie Kunst und Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf und schloss sein Studium 2019 ab. Seine Arbeiten wurden zuletzt im Neuen Aachener Kunstverein und in der Galerie Martinetz ausgestellt.
Im Zentrum von Janis Löhrers künstlerischer Praxis stehen Fragen nach queerer Identität, Körperlichkeit, Männlichkeit und Scham. Seine Arbeiten begreifen den öffentlichen Raum als Bühne für verborgene Begegnungen und homosexuelles Begehren und suchen zugleich nach Momenten von Privatheit und Einsamkeit innerhalb dieses Raums.
“Körperliche Hygiene gilt als intimer Bereich persönlicher Selbstbestimmung. Die dafür vorgesehenen Räume sind auf Privatsphäre angelegt, durchbrechen diese aber ebenso in ihrer halböffentlichen Ausprägung. Diesen Bruch vollziehen auch Gemeinschaftsduschen: Hygieneräume, die vor allem im (männlich dominierten) Teamsport und in Gefängnissen üblich sind. In der Gemeinschaftsdusche entstehen Spannungen zwischen körperlicher Vulnerabilität, sozial konditionierten Sexualvorstellungen und genderaffirmativer Selbstinszenierung. Privatsphäre und Voyeurismus tasten sich an ihre gegenseitigen Grenzen heran. Diese Ambivalenzen greift Janis Löhrers Keramik-Installation Gemeinschaftsdusche […] auf und überführt damit das privatöffentliche Duschen in dem vom Alltag entrückten Ausstellungsraum.” (Weststern, 2026)

Rene Spitzer (*1978) studierte von 2002 bis 2009 an der Kunstakademie Düsseldorf. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland gezeigt, unter anderem bei NANZUKA Underground in Tokyo (2015), TICK TACK in Antwerpen (2019) und in der Kunsthalle Recklinghausen (2024).
In Rene Spitzers Bildern trifft der Furor eines Post-Punk-Showdowns auf die Realität zeitgenössischer Malerei. Bildwerdung ist kein Ergebnis. Sie ist der Zustand, in dem das Bild arbeitet. Ein Strich genügt, und alles Geronnene gerät wieder in Bewegung. Jede Form kostet eine andere, jede Entscheidung verschiebt die vorherige. Sie wandert, verändert ihre Funktion und taucht an anderer Stelle erneut auf. Das Bild folgt seiner eigenen Notwendigkeit.
Seine Arbeiten gleichen blutenden Wunden, sind dabei auch Ausdruck unstillbarer Schönheit. Beides immer wieder ineinandergreifend. Spitzer wechselt zwischen Farben, Geschlechtern und Spezies, die sich im Bruchteil einer Sekunde in etwas Figürliches, Plastisches oder Kinetisches verwandeln können.
Er schickt die Figuration durch ein Fegefeuer aus toxischem Gelb, brennendem Orange und aufziehenden Wolkenbrüchen. Gesichter implodieren, Körper fragmentieren sich in Unmittelbarkeit erlebbar und Landschaften mutieren zu flüssigen Räumen im permanenten Ausnahmezustand.
Das Fallen gehört den Verdammten, das Schweben den Heiligen.
Silvia Y. Tam und Marco Siedelmann
21. November 2026 - 10. Januar 2027
Preview / Kuratorinnenführung
Freitag, den 20. November, 17.30 Uhr
Eröffnung
Freitag, den 20. November, 19 Uhr
Künstler*innen:
Birgit Brenner
Dominik Geis
Ja Jess
Janis Löhrer
René Spitzer
Kuratorin:
Dagmar Lippok
Performances
Donor: The Rumours Are Heirs.
Ja Jess mit Leonie Türke
Freitag, den 20. November, 20 Uhr
rhythm
Dominik Geis
Freitag, den 20. November, 21 Uhr
Kuratorinnenführung
Sonntag, den 22. November 2026, 16 Uhr
Finissage / Kuratorinnenführung
Sonntag, den 10. Januar 2027, 16 Uhr
Titelgrafik: Jens Sundheim
Abbildungen Werke: © die Künstler*innen
Freundlich unterstützt durch:
Kulturbüro Dortmund, Bergmann Bier